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Aus Morschenich-Alt wird Bürgewald: Ein Dorf neu denken

By 24. April 2024Keine Kommentare
Ausblick vom Ortsrand in Morschenich-Alt – noch sieht man am Horizont die Braunkohlebagger graben.
Ausblick vom Ortsrand in Morschenich-Alt – noch sieht man am Horizont die Braunkohlebagger graben.

Morschenich-Alt – Ort der Zukunft. So steht es auf dem Ortseingangsschild eines kleinen Orts in der Gemeinde Merzenich im Kreis Düren. Ein Geisterdorf. Eigentlich sollte Morschenich-Alt dem Braunkohletagebau Hambach weichen, das Dorf wurde leergezogen, die Einheimischen wurden einige Kilometer weiter nach Morschenich-Neu umgesiedelt. Dann kam der Ausstieg, RWE verzichtete auf den Abriss von Morschenich-Alt. Zurück blieb ein leeres Dorf, dessen Bezeichnung „Ort der Zukunft“ für Durchreisende – noch – grotesk klingt. Denn die vernagelten Fenster der Häuser, die verwilderten Vorgärten und zugewucherten Garagen erinnern eher an die Kulisse eines dystopischen als eines utopischen Films.

Aber Stadt- und Landschaftsplanerinnen und -planer denken anders. Sie sehen, dass sich ihnen die einzigartige Perspektive bietet, eine zukunftsgerechte Stadt- oder Dorfplanung aufzusetzen, ein Reallabor zu schaffen, in dem innovative Konzepte aus probiert und auf Realisierbarkeit überprüft werden können. Auch die Politik zieht mit: Die Landesregierung Nordrhein-Westfalen hat am 7. Dezember 2023 gemeinsam mit der Gemeinde Merzenich und der RWE Power AG eine Vereinbarung geschlossen, um das Dorf Morschenich-Alt im Rheinischen Revier zu reaktivieren. Bürgewald, so wie das Dorf in Zukunft heißen wird, ist das erste von insgesamt sechs früheren Braunkohle-Dörfern, das im Rahmen des vorzeitigen Kohleausstiegs 2030 neu erfunden wird.

Typisches rheinisches Straßendorf

Philipp Kuhlenkötter, Stadtplaner bei NRW.URBAN: „Morschenich-Alt ist ein für die Region typisches Straßendorf mit dem immer näher rückenden Tagebau, hat der Ort seit den 1970er-Jahren keine größeren baulichen Erweiterungen mehr erfahren, ist also in seiner Grundstruktur noch existent.“ Diese Dorfstruktur und möglichst viele Bestandsgebäude zu erhalten, aber den noch energetisch fortschrittliche Konzepte umzusetzen, das ist ein Ziel des Projekts „Bürgewald“.

Barbara Eickelkamp, Leiterin des Bereichs Konzepte | Entwicklung bei NRW.URBAN: „Mit der Starke Projekte GmbH haben wir eine Gesellschaft, die Kommunen im Rheinischen Revier bei der Qualifizierung ihrer städtebaulichen Projekte unterstützt. Gemeinsam mit der Gemeinde Merzenich haben wir mit dieser Gesellschaft zunächst für zwei Projektideen ein Dialogverfahren durchgeführt, im Jahr 2023 dann gemeinsam mit der Perspektive Strukturwandel das Liegenschaftsmodell für Morschenich-Alt begleitet.“ In mehreren Werkstattverfahren haben die Gesellschaften den Ort gemeinsam mit der Gemeinde Merzenich unter die Lupe genommen. Morschenich-Alt, das sich bereits fast vollständig im Eigentum der RWE Power befand, wurde am Ende des Prozesses wieder an die Gemeinde übertragen.

„Der Erwerb der Ortslage Morschenich-Alt eröffnet uns eine einmalige Chance zur selbstbestimmten Zukunftsgestaltung“, sagt Georg Gelhausen, Bürgermeister der Gemeinde Merzenich. In der kommunalpolitischen Historie habe es die Möglichkeit für die aktive Gestaltung des Transformationsprozesses, der zum Strukturwandel der Region führen wird, in dieser Form bisher nicht gegeben. Gelhausen ist überzeugt: „Gemeinsam mit den Landesgesellschaften werden wir mit Mut und Entschlossenheit diese außergewöhnliche Aufgabe meistern.“ Die ländlich geprägte Gemeinde Merzenich stelle sich so zukunftsfähig auf und schaffe beispielgebende Projekte für einen nachhaltigen und innovativen Strukturwandel, für ein Dorfleben der Zukunft.

Es soll etwas Neues entstehen, das komplett für sich stehen und einen endgültigen Abschied vom Alten ermöglichen wird.

Philipp KuhlenkötterStadtplaner bei NRW.URBAN
Das Ortsschild verkündet Verheißungsvolles: Der Ort der Zukunft soll bald Gestalt annehmen

NRW.URBAN als Treuhändergesellschaft

Die Gemeinde Merzenich ist darüber hinaus Gesellschafterin der NRW.URBAN Kommunale Entwicklung und setzt nun NRW.URBAN als Treuhänderin für die Entwicklung des Zukunftsdorfes Bürgewald ein. Nächster Schritt: die Erstellung eines dynamischen Masterplans. In mehreren Zukunftswerkstätten haben sich die Fachleute von NRW.URBAN zuvor gemeinsam mit den Verantwortlichen der Gemeinde Merzenich Inspiration von den Themenpaten aus den Bereichen Energie, Wasser und Mobilität geholt. Sie hielten Impulsvorträge, Forscherinnen und Forscher sowie Partnerinnen und Partner aus der Praxis lenkten die Sicht auf das Innovative und gleichzeitig Machbare. Welche Energieversorgungsalternativen kommen infrage? Wie wird das Dorf in Zukunft an die Verkehrsrouten angebunden sein? Philipp Kuhlenkötter: „Uns geht es ja nicht darum, irgendwie alle möglichen Innovationen und Techniken auszuführen, sondern auf den Ort und die lokalen Rahmenbedingungen angepasst sinnvoll und zukunftsfest zu planen.“

Dabei soll der dynamische Masterplan helfen, einen roten Faden zu spinnen und gleichzeitig ausreichend Agilität zuzulassen, um Erkenntnisse oder Lösungen jenseits etablierter Methoden zu finden. NRW.URBAN agiert in diesem Prozess als verlängerter Arm der Gemeindeverwaltung, als Aktionszentrale, die alle Wünsche und Ideen der Menschen vor Ort bündelt, mit neuesten Erkenntnissen aus Wissenschaft und Praxis anreichert und gemeinsam mit einem Planungsbüro in den Masterplan übersetzt.

„Der Masterplan wird im Prozess wachsen, die vielen Partnerinnen und Partner werden sich idealerweise gegenseitig aktivieren und unterstützen“, sagt Philipp Kuhlenkötter. Im Sommer 2023 fand vor Ort zum Beispiel eine Sommerakademie der RWTH Aachen, die TU Hambach, statt. Vielleicht können durch solche Aktivitäten Personen gewonnen werden, die den Prozess zusätzlich aktiv mitbegleiten und ungewöhnliche Sichtweisen einbringen.

Morschenich-Alt: Verlassen und unbewohnt warten Häuser unterschiedlicher Baustile darauf, wieder bewohnt zu werden.
Verlassen und unbewohnt warten Häuser unterschiedlicher Baustile darauf, wieder bewohnt zu werden
Fotos: Frank Vinken

Technologieoffene Untersuchungen

Der nächste Schritt ist, deutlich zu machen, in welchen Etappen eine solche Entwicklung ablaufen kann. An diesem Fahrplan und zu bestimmenden Organisationseinheiten beziehungsweise Zukunftsfeldern orientieren sich dann die Abstimmungen mit spezialisierten Fachplanungsbüros. Das Dorf ist von eher kleinteiligen Haus- und Hof-Formen geprägt. Philipp Kuhlenkötter: „Im weiteren Prozess ist zu prüfen, ob beziehungsweise wie die vielen Altgebäude baulich besser genutzt und an heutige Anforderungen hinsichtlich Wärme- und Energieeffizienz angepasst werden können.“ Dabei sind die Fachplaner angehalten, technologieoffen sinnvolle Lösungen auszuarbeiten.

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Philipp Kuhlenkötter, NRW.URBAN

Phillipp Kuhlenkötter
Konzepte | Entwicklung

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