1. Rang
e-analoga (4705)
Der Entwurf e-analoga überzeugt die Jury durch seine konzeptionelle Schärfe und die Aktualität seiner zeitgenössischen künstlerischen Auseinandersetzung. Besonders hervorzuheben sind die Tiefe, der Umfang und die Komplexität der Recherche und der damit einhergehenden inhaltlichen Bezugnahme auf die Batterieforschung. Die Arbeit besteht aus drei Teilen, die durch ein zugrunde liegendes Narrativ trotz der verteilten Installationspunkte verbunden sind.
Vor dem Eingang des Gebäudes ist die abstrakt wirkende, jedoch hochrealistisch skalierte Replik eines der größten Bernsteinfunde positioniert. Die aufrechtstehende Bronzeskulptur verweist auf die Entdeckung der Elektrizität (von altgriechisch ἤλεκτρον, elektron, deutsch „Bernstein”) durch das Phänomen der elektrischen Aufladung durch Reibung an Bernstein. Die zweite Positionierung findet in Form der Aneignung einer geplanten Bank im Atrium des Gebäudes statt. Das Möbelstück, das ursprünglich nur mit einer Holz-Sitzfläche geplant war, wird durch eine Bank aus Kiefernholzbohlen ersetzt. Kiefernholz zählt zu den am schnellsten nachwachsenden heimischen Hölzern und gilt deshalb als besonders nachhaltig, wodurch es oftmals im Möbelbau zum Einsatz kommt. Das größte Vorkommen von Kiefernwäldern in Europa befindet sich im Baltikum. Und hier schließt sich der Kreis, denn die Kiefernwälder sind aufgrund des hohen Vorkommens von Bernstein auch als Bernsteinwälder bekannt. Als dritte Positionierung werden an der Wand im Atrium über mehrere Etagen hinweg Cyanotypien auf Grundlage von Vektorgrafiken von Borkenmustern baltischer Nadelholzgewächse angebracht. Das Verfahren der Cyanotypie ist zudem eng mit den Anfängen der Fotografie verbunden – und wurde zufällig im Farblabor entdeckt. Es gilt als erstes synthetisches Pigment, das nicht nur in der Kunst Verwendung fand.




Die Verteilung der Arbeit auf die unterschiedlichen Positionen, erlaubt den Betrachter:innen eine Begegnung mit der Arbeit auf sehr unterschiedlichen Ebenen, sowohl räumlich als auch inhaltlich. Die Positionierung des Steins an den Eingang (Anfang) ist nachvollziehbar und schlüssig, genauso wie die Bezugnahme auf die räumlichen Gegebenheiten im Atrium (insbesondere der Pflanzenwand) für die Positionierung der weiteren Arbeiten. In jeder dieser Positionen finden sich Materialien, die in der Batterietechnologie verwendet werden: Kupfer der Bronze, Lignin des Holzes und Eisenoxid der Cyanotypie. Die Herstellung der Kunstwerke, aus diesen im Kunstkontext eher als konventionell verstandenen Materialien ist eng mit neuester Technologie verbunden (3D-Scan, Skalierungsprozesse, CT-Scan, Vektorgrafik). Die Arbeit befasst sich somit auf künstlerischer und kunsthistorischer Ebene analog mit den Themen der „Forschungsfertigung Batteriezelle“ und entwickelt trotzdem einen zutiefst eigenständigen Vorschlag. Auch extraktivistische und Bezüge zur Kolonialgeschichte lassen sich anhand der Arbeit verhandeln. Dabei geht es nicht nur um erneuerbare Materialien, natürlichen Ressourcen und die planetaren Grenzen in Verbindung mit Wissenschaft und neuster Technologie für eine Zukunft, sondern um die Verschränkung dieser Zukunft mit der Vergangenheit.
Neben der Begegnung der Betrachter:innen mit den Materialien (Bronze, Holz, Eisenoxid) und den jeweiligen Formen (Stein, Möbelstück, Bild) wäre ein Vermittlungskonzept wünschenswert, das die Komplexität der Arbeit für Mitarbeiter:innen, Schüler:innen, Kunstinteressierte und interessierte Besucher:innen barrierearm zugänglich macht. Auch wird auf den Wunsch von Teilen der Jury hingewiesen, dass sich die Ausarbeitung der Bank trotz Beibehaltung der konzeptuellen Idee der praktischen Verwendung als Bank nicht entziehen sollte. Die Nähe der Cyanotopien zur Pflanzenwand sollte evtl. unter konservatorischen Gesichtspunkten beachtet werden.