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BeitragInterviewJournal 1/24

Mit dem Wasser Leben – Ein Gespräch mit Städtebau-Visionär Robert Broesi

By 29. April 2024Keine Kommentare
Bochum Ostpark Schwammstadt - Leben mit Wasser
Bild: Martin Steffen

1997 war das Büro MUST in Amsterdam gerade an den Start gegangen. Einer der ersten Aufträge für die jungen Planerinnen und Planer kam von der niederländischen Regierung: die Erstellung eines Strukturkonzeptes für das gesamte Land. Dies, so war sich das MUST Team sicher, machte nur Sinn, wenn auch die Grenzregionen des Landes in die Betrachtung einfließen würden. Das Büro erhielt also Satellitendaten der Niederlande und der Anrainerstaaten. In diesen Daten entdeckte das Team nordwestlich von Köln ein riesiges braunes Loch. Was die Planerinnen und Planer zunächst für einen Dateifehler hielten, entpuppte sich als der Rheinische Braunkohletagebau. 25 Jahre später ist MUST gemeinsam mit BMR Landschaftsarchitekten involviert, eine Rahmenplanung für die Zeit nach dem Bergbau zu entwerfen, ein Leitbild für die nächsten 20 bis 50 Jahre. Robert Broesi, Geschäftsführer von MUST: „Das hätten wir uns damals niemals vorstellen können.“

Wassersensible Lösungen

NRW.URBAN arbeitet in unterschiedlichsten Projekten mit MUST zusammen. Insbesondere wenn es um wassersensible Quartiersplanung, Grundstücks- und Gebäudegestaltung geht, ist das niederländische Büro ein kompetenter Partner. Robert Broesi ist davon überzeugt, dass es in modernen Stadt- und Quartiersentwicklungskonzepten nicht allein darum gehen darf, sich vor dem Wasser zu schützen, sondern vielmehr darum, intelligent mit Wasser umzugehen.

Die Herausforderungen durch den Klimawandel werden immer vielfältiger. Die Extreme an Niederschlag werden zukünftig zunehmen. An manchen Tagen gibt es bereits und wird es in Zukunft noch häufiger viel zu viel Regen geben, was zur Überlastung von Flüssen, Kanälen und Kanalsystemen führen kann. Dann wieder folgen Perioden langer Trockenheit und Dürre mit verheerenden Auswirkungen auf Natur und Mensch: Bäume sterben in den Städten, Rasenflächen verbrennen, Menschen leiden unter Kreislaufproblemen.

„Wir müssen dafür sorgen, dass bei Überflutungen unsere Sachgüter nicht beschädigt werden. Gleichzeitig ist es wichtig, das Wasser im Sinne des Schwammstadt Konzeptes zu speichern und zu reinigen, damit wir es in Zeiten von Trockenheit sinnvoll verwenden können. Dafür gibt es eine Serie an Maßnahmen, die sowohl Gebäude und Grundstücke als auch Quartiere betreffen“, sagt Robert Broesi. Unsere Nachbarn in den Niederlanden haben jahrhundertelang einen Kampf gegen das Wasser geführt. Robert Broesi: „Seit ungefähr 20 Jahren sind wir uns durch den Klimawandel bewusst, dass wir nicht gegen das Wasser ankämpfen sollten, sondern dass wir mit dem Wasser leben wollen.“

Wasser als Entwurfselement

Wasser bietet seiner Ansicht nach weitaus mehr positive als bedrohliche Aspekte. Wasser ist Entwurfselement bei der Gestaltung unserer Stadträume, Wasser kühlt, Wasser nährt, Wasser beruhigt. Wasser, das vom Kanalsystem bei Starkregenereignissen nicht komplett abgeführt werden kann, braucht also temporäre Rückzugsorte, um an der Oberfläche gespeichert zu werden. Eine Lösung dafür sind sogenannte multifunktionale Retentionsräume. Diese bieten die Möglichkeit, das Wasser temporär zu speichern und damit Gebäude- oder Personenschäden zu vermeiden. Robert Broesi: „Die multifunktionalen Retentionsräume sind aber auch eine Möglichkeit, das Wasser für die Bürgerinnen und Bürger sichtbar zu machen und sie so für die Folgen des Klimawandels zu sensibilisieren.“

Dafür gibt es viele gute Beispiele in den Niederlanden oder in Kopenhagen und einige wenige Vorzeigeprojekte in Deutschland. Deutschland hat sich lange Zeit ausschließlich in potenziellen Überschwemmungsgebieten mit dem Schutz vor Hochwasser auseinandergesetzt. Starkregenereignisse betreffen aber auch Städte, die nicht an Flüssen oder Kanälen liegen. Wassersensible Maßnahmen im Städtebau sind in Deutschland bisher an sogenannten HQ100-Ereignissen* ausgerichtet. „Aus meiner Sicht sollten wir über die gesetzlichen Vorgaben hinausgehen“, sagt Robert Broesi. Statt eines HQ100-Ereignisses soll seiner Meinung nach ein HQextrem-Ereignis* das Maß der Dinge sein. Denn allein in den vergangenen zehn Jahren hatten wir bereits mehrere Jahrhundertereignisse …

Verknüpfungen von Zuständigkeiten

Und wie können solche Maßnahmen konkret aussehen? Das können zum Beispiel Mulden, Retentionsbecken oder „Blaue Bänder“ aus zwei Fließwegetypen sein – ein permanent verrohrter Abfluss wird dabei durch offene kleine Grachten und Kanäle ergänzt. Durch die innerstädtischen Wasserbänder fließt entweder dauerhaft oder temporär parallel zum Kanalsystem Wasser. Solche Aufgaben könnten nur gemeistert werden, so Broesi, wenn städtebauliche Entwürfe und Freiraumentwürfe integriert betrachtet würden. Die deutsche Planungskultur stoße da schnell an Grenzen, denn bei einer solchen Betrachtung müssen unterschiedliche Zuständigkeitsbereiche miteinander verknüpft werden. Broesi: „Aber auch in Deutschland gibt es für fast alle unsere Vorschläge gesetzeskonforme Lösungen. Wenn erst einmal alle Zuständigkeitsbereiche im Austausch sind, entstehen häufig sehr zukunftsweisende Konzepte.

* Neben dem Hochwasser aus Fließgewässern können Überflutungen und Schäden grundsätzlich auch durch Grundwasser, lokale Starkniederschläge, Rückstau aus der Kanalisation oder durch Überströmen von Deichen auftreten. Ein HQ100-Ereignis ist statistisch einmal in 100 Jahren zu erwarten. Ein HQextrem-Ereignis bezeichnet einen Hochwasserabfluss, der circa der 1,5-fachen Abflussmenge eines HQ100 entspricht.
Robert Broesi, Geschäftsführer MUST

Robert Broesi ist Stadtplaner und Geschäftsführer von MUST Städtebau in Köln. Er leitet bei MUST zahlreiche Projekte, bei denen die Auswirkungen des klimatischen, wirtschaftlichen und demografischen Wandels auf die Raumentwicklung, den Wohnungsbau und die Infrastruktur eine zentrale Rolle spielen. Außerdem übernimmt er immer wieder Lehraufträge an den Universitäten TU Delft, TU Eindhoven und den Akademien für Baukunst in Amsterdam und Rotterdam.

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