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InterviewJournal 02/21Konzepte | Entwicklung

Starke Projekte im Rheinischen Revier

By 10. September 2021November 4th, 2021Keine Kommentare
Thomas König, Geschäftsführer der ENERGETICON gGmbH, führt Bodo Middeldorf, Geschäftsführer der Zukunftsagentur Rheinisches Revier, und NRW.URBAN-Geschäftsführer Henk Brockmeyer durch die Ausstellung des ENERGETICONs.

Ein Gespräch über die Zukunft nach der Braunkohle

Das „Rheinische Revier“, zu dem sechs Kreise, 65 Städte und Gemeinden mit 2,4 Millionen Einwohnern gehören, ist durch die Gewinnung, Verstromung und Veredlung der Braunkohle geprägt. Die Region befindet sich in einem gravierenden Veränderungsprozess. Kohleausstieg und Energiewende haben einen umfassenden Strukturwandel eingeleitet: Neben dem zu erwartenden Verlust von Arbeitsplätzen markieren zahlreiche städtebauliche und infrastrukturelle Veränderungen den Paradigmenwechsel. Die Flächen- und Quartiersentwicklung für Wohnen und Gewerbe, die Innenentwicklung der Städte, die Dorferneuerung sowie die Wiedernutzung von nicht mehr erforderlichen Industrieflächen fordern nachhaltige und innovative Lösungen. Henk Brockmeyer, Geschäftsführer von NRW.URBAN, und Bodo Middeldorf, Geschäftsführer der Zukunftsagentur Rheinisches Revier, trafen sich im Energeticon in Alsdorf zum Gedankenaustausch. Gastgeber Thomas König, Geschäftsführer der Energeticon gGmbH, führte durch die Energieerlebniswelt und über die Fläche in Alsdorf.

Sehr geehrter Herr König, wo befinden wir uns hier?

Thomas König: Die Grube Anna war einst das größte Bergwerk im Aachener Revier und wurde 1983 stillgelegt. Die Kokerei Anna war sogar die größte Kokerei Europas. 1992 wurde der letzte Koks produziert. Die Anlagen wurden weitestgehend, bis auf verschiedene Industriedenkmäler, demontiert. Das Energeticon ist kein weiteres Bergbaumuseum, sondern ein Erlebnisort, der die Energiewende erzählt. Wir zeigen tolle Relikte aus der fossilen Zeit, widmen uns aber vor allem auch den regenerativen Formen der Energiegewinnung. Ein 700 Meter langer Parcours mit 30 Stationen erklärt unterhaltsam und anschaulich das komplexe Thema Energie.

Bodo Middeldorf: Wir befinden uns an einem Ort, der wunderbar zeigt, wie Strukturwandel gelingen kann. Die Fläche der ehemaligen Zeche Anna vereint ja Gewerbe, Bildung, Wohnen und Kultur. Das Projekt hier zeigt, dass Strukturwandel nicht einfach geschieht, sondern dass es möglich ist, Strukturwandel zu gestalten. Genau das wollen wir mit der Zukunftsagentur Rheinisches Revier (ZRR) auch erreichen.

Herr Middeldorf, Sie stammen aus dem Ruhrgebiet und bringen sowohl kommunalpolitische, als auch landespolitische Erfahrungen mit. Wie unterscheidet sich der Strukturwandel im Rheinischen Revier vom früheren Strukturwandel im Ruhrgebiet?

Ein großer Unterschied ist, dass der Anstoß zum Strukturwandel im Rheinischen Revier gesellschaftspolitisch erfolgt ist. Im Ruhrgebiet war es ein eher schleichender Prozess, weil sich die Gewinnung von Steinkohle nicht mehr wirtschaftlich darstellen ließ. Unsere Gesellschaft hat in einer großen Kraftanstrengung entschieden, aus der Braunkohle auszusteigen – und zwar innerhalb eines extrem begrenzten Zeitraums. Vor uns liegt nun die Aufgabe, in einer sehr, sehr kurzen Zeit, eine gesamte Region neu aufzustellen.

Henk Brockmeyer: Die Dekarbonisierung ist alternativlos, die Region muss sich verändern – und diese Veränderung entwickelt eine rasante Dynamik. Als Landesentwicklungsgesellschaft haben wir vor allem die Flächenentwicklungen im Blick. Wir wollen Orte mit hoher Lebensqualität für die dort lebenden Menschen und großer Anziehungskraft für Menschen, die wegen eines attraktiven Arbeitsplatzes in die Region ziehen, schaffen. Wir müssen die Wunden des Tagebaus heilen und die Städte und Gemeinden stärken, die im wahrsten Sinne des Wortes – als Anrainer der zukünftigen Tagebauseen Garzweiler und Hambach – zu „neuen Ufern“ aufbrechen. Kurz: Es müssen zahlreiche städtebauliche Maßnahmen angestoßen werden, die Ortsbilder wiederherstellen und weiterentwickeln sowie Funktionsschwächen beheben. 2038 ist für uns Stadt- und Landschaftsplaner quasi übermorgen. Zu diesem Zeitpunkt müssen Projekte nun nicht nur gedacht und geplant, sondern fertiggestellt sein und Wirkung entfalten. Das ist eine besondere Herausforderung hier im Rheinischen Revier.

zwei Menschen gehen
Bodo Middeldorf (l.) und Henk Brockmeyer trafen sich in Alsdorf, um Strategien für das Rheinische Revier abzustimmen.

Die Fläche der ehemaligen Zeche Anna zeigt, dass Strukturwandel nicht einfach geschieht, sondern dass es möglich ist, Strukturwandel zu gestalten.

Bodo MiddeldorfGeschäftsführer Zukunftsagentur Rheinisches Revier

Herr Middeldorf, der Bund stellt bis zum Jahr 2038 14,8 Milliarden Euro für das Rheinische Revier zur Verfügung, NRW unterstützt den Strukturwandel mit eigenen Mitteln in Höhe von 700 Millionen Euro. Was sind die Ziele dieses Strukturwandels?

Zunächst einmal wollen wir die Weichen für den Prozess aufgrund des zuvor erläuterten Zeitdrucks bis 2030 stellen. Bis dahin müssen Projekte angeschoben sein, die sich in der Region aus sich selbst heraus weiterentwickeln können. Ein weiteres wichtiges Ziel ist, neue Arbeitsplätze zu schaffen, die auch in 20 Jahren noch tragfähig sind. Das gelingt nur durch die Kombination von Wissenschaft und Forschung mit unternehmerischem Engagement. Zudem haben wir es hier mit der größten Landschaftsbaustelle Deutschlands, wenn nicht sogar Europas, zu tun. Bis die ehemaligen Tagebaugebiete wieder blühende Landschaften sein werden, wird es mehrere Generationen dauern. Es gilt, das Rheinische Revier bereits in der Zwischenzeit, für die nächsten ein bis zwei Generationen, wieder zu einer attraktiven Arbeits-, Freizeit- und Wohnregion zu machen.

Herr Brockmeyer, welches Know-how zum Thema Strukturwandel bringt NRW.URBAN ein?

Als Landesentwicklungsgesellschaft haben wir den Strukturwandel im Ruhrgebiet begleitet: das UNESCO-Welterbe Zollverein in Essen, zahlreiche ehemalige Zechenstandorte, PHOENIX West in Dortmund oder die Innenstadt West in Bochum zeigen, wie das hervorragend gelungen ist. Auch die Fläche hier in Alsdorf wurde von NRW.URBAN entwickelt. Landesweit sind wir über verschiedene Förderprogramme aktiv, um Kommunen zu unterstützen und nachhaltige Planungen zu verwirklichen. Dieses Know-how wollen wir in die Waagschale werfen, damit die Kommunen möglichst zeitnah handlungsfähig werden.

Bodo Middeldorf: Es ist sehr wichtig für uns, mit den Profis von NRW.URBAN zusammenarbeiten zu können. Besonders wertvoll ist, dass wir so den Kommunen Kompetenz und Personalkapazität an die Hand geben können. Vor allem die kleineren und mittleren Kommunen sind ja froh, wenn sie ihre Pflichtaufgaben erfüllen können. Jetzt stehen die Kommunen an vielen Stellen nicht nur vor der großen Zukunftsaufgabe Strukturwandel, sondern müssen auch noch die Folgen des Hochwassers bewältigen. Da braucht es starke Partner, um die guten Ideen, die in den Kommunen schon entwickelt wurden, umzusetzen.

Henk Brockmeyer: Den Kommunen mangelt es nicht an innovativen Ideen. Es ist vordringlich ein Ressourcenproblem, das sie umtreibt. Nun kommt die Bewältigung der Folgen der Hochwasserkatastrophe hinzu. NRW.URBAN wird versuchen, in den besonders stark betroffenen Städten und Gemeinden die Projekte des Strukturwandels mit dem Wiederaufbau sinnvoll zu verknüpfen. NRW.URBAN ist es in die DNA eingeschrieben, nachhaltige Konzepte für Wohnen, Arbeiten und Mobilität zu entwickeln – heute schon für die Region von morgen zu planen. Das werden wir im Rheinischen Revier ebenso tun – und haben für diese besondere Aufgabe eine eigene Gesellschaft gegründet: die Starke Projekte GmbH.

Was leistet „Starke Projekte” genau? Was ist das besonders Innovative an der Herangehensweise?

Henk Brockmeyer: Die Starke Projekte GmbH ist mit eigenem Personal ausgestattet und bedient sich darüber hinaus der Ressourcen von NRW.URBAN. Städte und Gemeinden im Rheinischen Revier sind aufgerufen, ihre Stadtentwicklungsprojekte und Projektideen unmittelbar im Dialog mit dem Land, den Bezirksregierungen und der Zukunftsagentur zu erörtern. Gemeinsam mit den Akteuren vor Ort qualifizieren wir die Projekte und definieren, welche Planungsleistungen, Gutachten oder Förderprogramme sinnvoll sind. Die Starke Projekte GmbH agiert auch als zentrale Beschaffungsstelle. So erreichen die Städte und Gemeinden Planungssicherheit zu den Qualifizierungsschritten, die bis zur Bewilligungsreife für das Programm Stadtentwicklung für das „Rheinische Revier der Zukunft“ (STEP RR) erforderlich sind. Sie können Fördermittel des Bundesprogramms „STARK“ für vorbereitende Maßnahmen im vereinfachten Verfahren nutzen und konkrete, operative Unterstützung in Anspruch nehmen. Das bringt Qualität, aber vor allem Geschwindigkeit in den Prozess.

Nach dem Niedergang der Steinkohle wurde in Alsdorf ein Strukturwandel eingeleitet, der heute Früchte trägt.

Sie sprachen vom Dialogverfahren. Wie gestaltet sich das und in welchen Kommunen sind Sie bereits eingestiegen?

Henk Brockmeyer: Es war geplant, das Dialogverfahren zunächst für die unmittelbaren Anrainerkommunen des Tagebaus zu öffnen und zu einem späteren Zeitpunkt für weitere Kommunen im Rheinischen Revier zu erweitern. Allerdings bieten wir jetzt auch allen Kommunen im Rheinischen Revier, die stark vom Hochwasser betroffen sind, an, sich für das Dialogverfahren zu melden. Bei den Gesprächen sitzen Bürgermeister, Ministeriumsvertreter und Vertreter der Bezirksregierung mit den Experten der Starke Projekte GmbH an einem Tisch. Die Kommunen schildern ihre Pläne, wir schauen, welche Fördertöpfe in Frage kommen. Können Projekte nicht mit Mitteln aus der Städtebauförderung nach vorne gebracht werden, erkundigen wir uns bei anderen Fördermittelgebern und agieren als Türöffner für die Kommunen.

NRW.URBAN wird versuchen, in den vom Hochwasser besonders stark betroffenen Städten und Gemeinden die Projekte des Strukturwandels mit dem Wiederaufbau sinnvoll zu verknüpfen.

Henk BrockmeyerGeschäftsführung NRW.URBAN

Die Zukunftsagentur Rheinisches Revier definiert in der Modellregion Rheinisches Revier sogenannte „Orte der Zukunft“. Was zeichnet diese Orte aus?

Bodo Middeldorf: Zur Auswahl der „Orte der Zukunft“ wenden wir ein mehrstufiges Werkstattverfahren an. Unser Ziel ist es, wegweisende Projekte im Revier, die besonders repräsentativ für den Wandel sind und reales Erfolgspotenzial haben, zur weiteren Qualifizierung mit einem Regionalsiegel zu versehen. Besonderes Augenmerk gilt dabei Orten, die bislang „weiße Flecken“ auf allen Maßnahmenkarten waren oder die vor besonders extremen Herausforderungen stehen.

Henk Brockmeyer: Als erster „Ort der Zukunft“ wurde Morschenich-Alt zwischen Merzenich und Kerpen identifiziert. Der Ortsteil befand sich mitten in der Umsiedlung, als der Beschluss der Kohlekommission fiel. Nun bleibt er doch erhalten, ist jedoch fast leergezogen. Die beiden betroffenen Kommunen Merzenich und Kerpen haben sich nun aufgemacht mit Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger im Rahmen eines „Regionalen Open Government Labors“ ein schlüssiges Gesamtkonzept für die Ortslage zu entwickeln. Die Starke Projekte-GmbH wird diesen Prozess begleiten.

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