Mit Kunst- und Kulturprojekten belebt das Team der LANDFOLGE Garzweiler die Gebäude bis zum Umbau.
Durch den vorgezogenen Ausstieg aus der Braunkohle blieben fünf Dörfer im Erkelenzer Stadtgebiet und am Tagebau Garzweiler gelegen, die bereits weitgehend umgesiedelt worden waren, erhalten: Alt-Keyenberg, Alt-Kuckum, Oberwestrich, Unterwestrich und Alt-Berverath. Seit 2023 entwickelt die Stadt Erkelenz gemeinsam mit dem Zweckverband LANDFOLGE Garzweiler, der Bürgerschaft und mit Unterstützung der Landesgesellschaft Starke Projekte GmbH Konzepte, wie diese Dörfer wieder mit Leben gefüllt werden. Die Starke Projekte GmbH ist eine 100-prozentige Tochtergesellschaft von NRW.URBAN und bietet im Auftrag des Landes Nordrhein-Westfalen ein spezielles Unterstützungsangebot für vom Strukturwandel betroffene Städte und Gemeinden im Rheinischen Revier. In der Ortsmitte von Alt-Keyenberg laufen aktuell die Bestandsaufnahmen für den Umbau eines ehemaligen Küsterhauses und eines angrenzenden Vierkanthofs zu einem Kunst- und Kulturhof. Das Gebäudeensemble befindet sich in unmittelbarer Nachbarschaft zur Kirche und hat ortsbildprägenden Charakter. Sein Umbau und seine zukünftige Nutzung sollen als Initial für die weitere Entwicklung des „neuen alten Dorfes“ dienen. „Wir schaffen sogenannte Fokusräume in den Dörfern, von denen aus eine nachhaltige Transformation voranschreiten kann. Dabei hat die LANDFOLGE Garzweiler stets auch die Verbindung zur Tagebaulandschaft im Blick“, erläutert Volker Mielchen, Geschäftsführer des Zweckverbands LANDFOLGE Garzweiler.
Zahlreiche Gewerke im Einsatz
Das Küsterhaus befindet sich noch weitestgehend im Ursprungszustand, bedarf jedoch einer umfassenden Sanierung. Es weist zahlreiche erhaltenswerte Details wie historische Türzargen oder einen Dachstuhl aus Eiche mit Zapfenverbindungen auf. Die Stadt Erkelenz plant deshalb, das Gebäude unter Denkmalschutz stellen zu lassen. Der daneben liegende Vierkanthof ist zwar noch älter, wurde jedoch im Bereich des Vorderhauses in den 1970er- und 1980er-Jahren „arg verbastelt“, wie Architektin Lisa Wiemes von raumwerk.architekten berichtet. Um exakte Planungsdaten zu erhalten und die Umbaumaßnahmen in Hinsicht auf Altlasten und Statik abzusichern, sind unterschiedlichste Gewerke vor Ort.
Nicole Gehlen und Christopher Smolka von Kempen Krause Ingenieure durchschreiten wie Astronauten die Baustelle und die Räume. Sie tragen hochmoderne Vermessungsgeräte mit 3D-Laserscantechnologie, um eine verlässliche Datengrundlage zu schaffen. Wenn Pläne fehlen, unvollständig oder veraltet sind, können sie so auch komplexe Gebäude effizient und präzise erfassen. So kann das Ingenieurteam in nur einem Tag ein Gebäudeensemble wie das Küsterhaus und den Vierkanthof in Erkelenz digital vermessen und direkt dreidimensionale Daten liefern.
In einem anderen Hofgewölbe nehmen Lisa Wacker und Kristin Fürst vom Ingenieurbüro HYDR.O. gerade Proben verschiedener Baumaterialien. Die Geowissenschaftlerinnen sind Expertinnen für Schadstoffsanierungen. Nach erstem Augenschein halten alle Anwesenden die Altlasten bei diesem Objekt für unkritisch, dennoch bedarf es einer genauen Prüfung, bevor Menschen auf der Baustelle zum Einsatz kommen.
Schließlich reist zur Lagebesprechung noch das Team von Lievens und Partner an. Das Ingenieurbüro bringt besondere Expertise für Statik und Bauphysik mit. Rita Thielen und Jérôme Signon starten ihren Austausch mit dem Architekturteam im Küsterhaus. Von den Statik-Experten wollen die Architekten vor allem wissen, was im Sinne eines guten Brandschutzes im Gebäude getan werden muss und möglich ist.
Marc Hübert und Lisa Wiemes von raumwerk.architekten öffnen einen Bodenschacht.
Das Vermessungsteam arbeitet mit moderner digitaler Technik: Bei historischen Bestandsgebäuden ist ein neues Aufmaß unerlässlich.
Fotos: Christoph Kniel
”Das Bewahren und Nutzen von Bestandsgebäuden gewinnt immer mehr an Bedeutung. Dabei werden häufig Aufstockungen und Erweiterungen geplant, die Auswirkungen auf die Statik haben.
Jérôme SignonLievens und Partner
Rekonstruieren und Neues schaffen
Die Baustellenbesichtigung geht im Vierkanthof weiter: Marc Hübert schwingt einen dicken Hammer und stemmt eine zugemauerte Tür auf. Zum ersten Mal betreten alle Beteiligten einen Raum, den sie bisher nur durch eine Luke in Augenschein nehmen konnten: einen ehemaligen Partyraum. Auch wenn ihm der Kraftakt sichtlich Spaß macht, entspricht das Abreißen von Gebäuden weniger der Philosophie des Architekturbüros. „Bestand zu nutzen und weiterzuentwickeln – ist das Gebot der Stunde“, sagt Hübert. „Uns geht es bei vielen unserer Projekte darum, nicht nur rekonstruierend einzugreifen, sondern Neues zu ergänzen.“ Für ihn sind auch Gebäude, die nicht formal als Denkmäler ausgezeichnet sind, denkmalwert. „Es geht uns um die vielen kleinen Zeitschichten, die uns viel über die Gebäude erzählen. Diese versuchen wir dann im Rahmen der baulichen Potenziale weiterzudenken. Dazu analysieren wir den Gebäudebestand und sein Tragwerk, um neue architektonische Spielräume auszuloten.“
Projektleiterin Rebekka Austermann vom Bereich Konzepte | Entwicklung bei NRW.URBAN erläutert die besonderen Herausforderungen des Projekts: „Wir haben es hier mit ortsbildprägenden historischen Gebäuden zu tun, und es ist einer der ersten Orte, an dem im Zuge der Wiederbelebung des Dorfs die Bauarbeiten beginnen werden. Dadurch wird das Projekt schon in der Bauphase eine hohe Aufmerksamkeit bekommen.“ Wie zur Bestätigung radelt gerade ein älteres Ehepaar vorbei und winkt den Fachkräften auf der zukünftigen Baustelle zu. „Zudem soll hier ein Ort entstehen, an dem unterschiedlichste Gruppierungen aktiv werden: Geplant sind Räume für temporäres Wohnen und Ateliers, Ausstellungsflächen und Gemeinschaftsräume inklusive eines Dorfgemeinschaftscafés. Das bedeutet, dass viele Einzelnormen zu beachten sind – von der Barrierefreiheit bis zum Denkmalschutz.“
Probenentnahmen an den alten Gemäuern des ehemaligen Vierkanthofs in Alt-Keyenberg
Marc Hübert vom Architektenteam öffnet den Zugang zum ehemaligen „Partyraum“.
Alt-Keyenberg wird bunt
Die Vermarktung erster Immobilien in Alt-Keyenberg ist schon 2025 angelaufen und die Nachfrage wächst. „Wir werden die nahezu vollständig umgesiedelten Dörfer neu beleben und binden die Bürgerschaft aktiv in den Entwicklungsprozess ein“, sagt Stephan Muckel, Bürgermeister der Stadt Erkelenz. Seit feststeht, dass fünf westlich des Tagebaus gelegene Ortschaften entgegen früheren Plänen nicht abgerissen werden, hat der Zweckverband LANDFOLGE Garzweiler gemeinsam mit der Stadt Erkelenz verschiedene Beteiligungsformate etabliert.
Im Juni 2026 startete der Zweckverband eine wirkungsvolle Mitmachaktion: An sechs Wochenenden gestalteten Interessierte aus der Region unter Anleitung von Kunstschaffenden die Fassade des zukünftigen Kunst- und Kulturhofs. Die Bürgerinnen und Bürger schufen farbenfrohe Werke, die vor der Fassade des historischen Hofes installiert wurden – nach dem Motto: „Alt-Keyenberg wird bunt!“ Die Gemälde geben einen Vorgeschmack auf das, was in den kommenden Jahren entstehen soll: Der Vierkanthof und das angrenzende Küsterhaus werden zu Atelier- und Werkstatthäusern mit Dorfcafé und Veranstaltungsräumen.
Stephan Muckel: „Dank der umfassenden finanziellen Förderung des Landes Nordrhein-Westfalen und des Bundes kann die Stadt Erkelenz das Jahrzehnteprojekt, die fünf geretteten Dörfer wieder zu lebenswerten Orten zu machen, stemmen. Der Verkauf der ersten Anwesen ist ein wichtiger Schritt in der Zukunftsgestaltung auf Basis unseres städtebaulichen Entwicklungskonzepts. Ich freue mich auf alle Menschen, die gemeinsam mit uns die Identität und Zukunft der Ortschaften mitgestalten.“
Volker Mielchen, Geschäftsführer vom Zweckverband LANDFOLGE Garzweiler, ist beim Abstimmungstermin vor Ort.
Dieser Artikel ist gekürzt, die vollständige Version finden Sie im NRW.URBAN Journal 2/26.
Ihre Kontaktperson
Rebekka Austermann
Konzepte | Entwicklung
Hansaallee 299,
40549 Düsseldorf
Tel.: 0211 54238.224