Magdalena Pötschke, Beigeordnete der Stadt Frechen, und Henk Brockmeyer, Geschäftsführer von NRW.URBAN, vor dem Werk II der Brikettfabrik Wachtberg.
Wir befinden uns in Frechen, einer Mittelstadt im Rhein-Erft-Kreis, an der Grenze zu Köln. Magdalena Pötschke, Technische Beigeordnete der Stadt Frechen, und Henk Brockmeyer, Geschäftsführer von NRW.URBAN, tauschen sich am RWE-Power-Standort des Kohleveredlungsbetriebs Brikettfabrik Wachtberg über die Herausforderungen von Flächenreaktivierungen und über den Erhalt von Bestandsgebäuden aus. Sie analysieren Aspekte der Nachhaltigkeit, der Wirtschaftlichkeit und der identitätsstiftenden Kraft solcher Projekte. Die Stadt Frechen will die Brikettfabrik Wachtberg mit Unterstützung der Perspektive.Struktur.Wandel GmbH (PSW), einer Tochter des Landes Nordrhein-Westfalen und der RWE Power, zu einem modernen Gewerbe- und Industriestandort entwickeln. Denn das Ende des Braunkohleabbaus naht. Bereits 2022 endete die Produktion von Briketts für den Hausbrand und von Industriebriketts. Heute stellt der Braunkohlenveredelungsbetrieb noch Braunkohlenstaub für die Industrie her, spätestens 2030 schließen sich die Werkstore für immer.
Welche Bedeutung hat der Standort für die Stadt Frechen?
Magdalena Pötschke: Der Standort spielt in vielerlei Hinsicht eine sehr große Rolle für die Stadt. Obwohl der Standort durch seine räumliche Lage auf dem Wachtberg von der Innenstadt kaum wahrnehmbar ist, liegt er erstaunlich nah. Ich kann vom Rathaus ohne Probleme hierher laufen. Wir sprechen also nicht über eine Fläche irgendwo am Stadtrand, sondern über eine integrierte Lage im Frechener Stadtgefüge. Gleichzeitig war das Areal über Jahrzehnte eine eigene, weitestgehend abgeschottete Welt. Für die Allgemeinheit ist am großen Werkstor Schluss. Dabei ist die Brikettfabrik eng mit der Geschichte Frechens verbunden: Generationen von Frechenern und Frechenerinnen haben hier gearbeitet, über Jahrzehnte war das Werk einer der prägendsten Arbeitgeber. Jetzt haben wir die Chance, dieses Kapitel weiterzuschreiben. Gemeinsam mit PSW und RWE Power wollen wir einen neuen Standort entwickeln, der auch zukünftig durch Arbeit und Wertschöpfung geprägt ist, sich aber gleichzeitig für die Bevölkerung öffnet. Aus einem bislang abgeschotteten Industriestandort soll ein neuer, lebendiger Teil Frechens entstehen.
Fotos: Christoph Kniel
Die Fabrik Wachtberg wird zukünftig nicht mehr für die Kohleveredelung benötigt werden. Was soll denn zukünftig den Standort prägen?
Henk Brockmeyer: Um einen zukunftsweisenden Neuanfang nach dem Ende der Kohleverstromung im Rheinischen Revier zu befördern, haben RWE Power, das Land Nordrhein-Westfalen und die Kommunen in der Region frühzeitig alles in die Wege geleitet, um für diese großen Flächen und Industriestandorte Folgenutzungen zu identifizieren. Dafür hat das Land Nordrhein-Westfalen zusammen mit der RWE Power eine gemeinsame Gesellschaft gegründet: die Perspektive.Struktur.Wandel GmbH. Das Gelände der Brikettfabrik Wachtberg wird im Zuge des Strukturwandels zu einem modernen Gewerbe- und Industriegebiet umgestaltet. Das zwischenzeitlich erarbeitete Strukturkonzept sowie das mit den politischen Vertreterinnen und Vertretern entwickelte Leitbild sind für den weiteren Prozess handlungsweisend. Für die weitere Konkretisierung und Umsetzung arbeitet die Stadt auch zukünftig mit den landeseigenen Gesellschaften Starke Projekte GmbH und der Perspektive.Struktur.Wandel GmbH zusammen.
”Wenn wir urbane Räume nachhaltig entwickeln wollen, müssen wir mutig sein.
Magdalena PötschkeTechnische Beigeordnete der Stadt Frechen
Frau Pötschke, Sie sind nun seit circa einem Jahr Beigeordnete der Stadt Frechen und bringen Erfahrungen aus anderen Kommunen und Regionen mit. Was ist das Besondere an dem Standort in Frechen? Und welche Erkenntnisse oder Erfahrungen aus den Stationen zuvor helfen Ihnen, diese Mammutaufgabe zu bewältigen?
Magdalena Pötschke: Vergleiche ich Frechen mit Ratingen, wo ich zuvor tätig war, so stelle ich einen ähnlichen Flächendruck fest. Beide Städte liegen unmittelbar neben einer Metropole: Köln und Düsseldorf. Aus Bocholt, einem sehr attraktiven Mittelzentrum direkt an der niederländischen Grenze, kenne ich wiederum die Transformation großer ehemaliger Produktionsstandorte mit Nähe zum Stadtzentrum. Dort habe ich die Umstrukturierung einer früheren Textilfabrik begleitet, die ebenfalls einmal zu den größten Arbeitgebern der Stadt gehörte. Bei diesem Projekt ging die Stadt in den Zwischenerwerb und hat große Teile der Sanierung und Impulsprojekte mithilfe von Land und Bund gestemmt. Das war und ist ein sehr langwieriger Prozess, auch weil die Eigentümerstruktur deutlich schwieriger als in Frechen war. Hier haben wir mit RWE Power dagegen einen sehr engagierten und kooperativen Partner. In allen Kommunen, in denen ich bisher tätig war, war NRW.URBAN ein wichtiger Kontakt und Partner bei verschiedensten Projekten. Die Landesgesellschaft unterstützte in unterschiedlichen Rollen: im treuhänderischen Auftrag, über Landesprogramme wie Bau.Land.Partner oder Bauland an der Schiene. All das waren spannende Prozesse, geprägt von großen Herausforderungen, am Ende aber mit guten Ergebnissen. Daraus nehme ich mit: Wenn wir urbane Räume nachhaltig entwickeln wollen, müssen wir mutig sein.
Wie unterstützt NRW.URBAN die Kommunen im Land bei solch herausfordernden Prozessen?
Henk Brockmeyer: Wir erleben landesweit immer wieder unterschiedliche Konstellationen, wenn es um die Entwicklung von Brachflächen geht. So treffen wir beispielsweise auf ehemalige Standorte der Textilindustrie im Münsterland, der Möbelindustrie in Ostwestfalen, der Eisen- und Metallindustrie im Sauerland oder der Montanindustrie im Ruhrgebiet. Aus diesem Erfahrungsportfolio schöpfen wir jetzt auch bei den Projekten im Rheinischen Revier. Wir betrachten Brachflächen wie einen nachwachsenden Rohstoff: Unser Ziel ist es, die Gebäude und Flächen möglichst schnell wieder in eine neue Nutzung zu bringen – mit positiven ökonomischen und ökologischen Effekten für die Kommunen. Dafür stellen wir den Kommunen nicht nur unser Know-how in der Projektentwicklung zur Verfügung, sondern prüfen auch den Zugang zu Förderprogrammen. Zudem geben wir durch unsere fachliche Neutralität und Moderation häufig Impulse, auch ungewöhnliche Lösungen anzustreben, und lösen nicht selten über Jahre verfestigte Konflikte mit Eigentümern.
Hier in Frechen kommen mehrere Faktoren zusammen, die das Entwicklungsprojekt besonders herausfordernd machen: Die Fläche ist im Verhältnis zum Stadtgebiet extrem groß und fast komplett versiegelt, ein Teil der Gebäude steht unter Denkmalschutz. Können Sie schon sagen, wie Sie das Profil für den zukünftigen Standort schärfen wollen?
Magdalena Pötschke: Das Leitbild hat eine klare Botschaft: Wir wollen die vorhandene Infrastruktur nutzen und ausbauen, viel Grün an den Standort bringen und die denkmalwerten Gebäude nicht konservieren, sondern mit lebendigen Nutzungen füllen. Der Wachtberg soll seine Geschichte und Identität behalten und zugleich zu einem klimagerechten und wirtschaftlich starken Standort der Zukunft werden.
Gemeinsam mit NRW.URBAN und weiteren Kommunen aus dem Rheinischen Revier sind Sie auf Exkursion gegangen und haben geschaut, wie anderenorts mit Flächen in Nordrhein-Westfalen umgegangen wurde. Was hat Sie besonders inspiriert?
Magdalena Pötschke: PHOENIX-West in Dortmund hat mich nachhaltig beeindruckt: die Kombination von Industriekultur, modernen Arbeitswelten und Freizeitstätten integriert in ein grünes Umfeld. Es hat mir auch noch einmal verdeutlicht, wie wichtig es ist, ein Bestandsgebäude oder eine Fläche nicht an den nächstbesten Investor zu veräußern, sondern einem strategischen Gesamtkonzept zu folgen. Hier in Frechen wird es vor allem darum gehen, neue Arbeitsplätze zu schaffen und für die Menschen in Frechen nach Jahrzehnten der Schwerindustrie auch einen Ort für Erholung und Freizeit zu entwickeln. Von neuer Wohnbebauung an diesem Standort haben wir uns klar distanziert, was natürlich nicht ausschließt, dass hier auch ein Hotel oder Gastronomiebetriebe entstehen können.
Henk Brockmeyer: Hier in Frechen wird sicherlich kein 08/15-Gewerbegebiet entstehen. Das sogenannte Werk II mit dem Denkmalpotenzial wird auf jeden Fall eine besondere Rolle spielen. NRW.URBAN unterstützt landesweit Kommunen bei der Flächenentwicklung. Hier hat längst ein Umdenken eingesetzt: Wir planen derartige Gewerbegebiete durchweg mit blau-grüner Infrastruktur, mit einem Radweg ins Zentrum oder auch mit Freizeitansiedlungen wie Restaurants oder Fitnesseinrichtungen, die Mitarbeitende nach der Arbeit nutzen können, die aber auch die Attraktivität des Standorts für alle deutlich erhöhen.
”Ich bin zuversichtlich, dass sich rasch Investoren für den Wachtberg interessieren werden und neue gewerbliche sowie industrielle Arbeitsplätze auf diesem Standort entstehen.
Henk BrockmeyerGeschäftsführer NRW.URBAN
Dieses Interview ist gekürzt, die vollständige Version finden Sie im NRW.URBAN Journal 2/26.