BeitragFotostoryJournal 1/26

Innovative Konzepte, die Schule machen: Das York-Quartier in Münster nimmt Gestalt an

By 30. Juni 2026No Comments11 Minuten Lesezeit
Die Bau- und Planungsgruppe unterwegs auf einer der Hauptverbindungsachsen des Areals, im Hintergrund das zukünftige Bürgerhaus.
Die Bau- und Planungsgruppe unterwegs auf einer der Hauptverbindungsachsen des Areals, im Hintergrund das zukünftige Bürgerhaus.

Seit dem Abzug der Briten aus Deutschland hat die Stadt Münster sich mutig 19 Konversionsprojekten gestellt. Darunter zwei Kasernen-Standorte, die sich mit großen Schritten zu Quartieren der Zukunft entwickeln: die Oxford-Kaserne im Stadtteil Gievenbeck und die York- Kaserne im Stadtteil Gremmendorf. Bei beiden Projekten setzt die Kommune auf die Unterstützung von NRW.URBAN. Zur Bewältigung des komplexen Prozesses hat Münster die städtische Entwicklungsgesellschaft KonvOY gegründet. „NRW.URBAN wurde als Unterstützung der Kommune mit einem breiten Aufgabenportfolio beauftragt“, erläutert Projektleiter Jörg Pescher aus dem Bereich Projektmanagement bei NRW.URBAN.

Und Konversion, das bedeutet in beiden Fällen nicht, nur Gebäude abzureißen und Flächen so zu sanieren, dass sie neu bebaut werden können. Corinna Humer, Projektsteuerin im Bereich Planung |
Steuerung | Bau bei NRW.URBAN: „Im Sinne des denkmalpflegerischen Ensembleschutzes und der Nachhaltigkeit plant und baut die Stadt Münster die neuen Quartiere im historischen, modernisierten Gebäudebestand und erhält bei der Freiraumplanung einen Großteil des schützenswerten Baumbestandes.“

York-Quartier: Für ein urbanes Miteinander

Wie die soziale Infrastruktur für ein solches urbanes und nachhaltiges Miteinander und für vielfältige Lebens- und Arbeitsmodelle entsteht, zeigt das Projektteam bei einem Besuch des York-Quartiers. Auf mehr als 50 Hektar sind hier neben Wohngebäuden und Büroraum eine Grundschule, mehrere Kindertageseinrichtungen verschiedener Träger und ein Bürgerpark entstanden. Ein Bürgerhaus ist in Planung. Zwischen zwei historischen Wachhäusern betritt die Planungsgruppe das Areal, entlang einer denkmalgeschützten Backsteinmauer und eines langgezogenen Gebäudes erstrecken sich großzügige Grünflächen, die ersten Frühlingsblumen sprießen, auf Spielgeräten vergnügt sich eine kleine Schar Vorschulkinder, die Familien genießen auf Bänken die Sonne.

Im gesamten Bürgerpark gibt es keinen Autoverkehr, eine Ausnahme bilden lediglich der Lehrerparkplatz sowie eine Kiss-and-Ride-Zone der York-Grundschule, die mitten im Grünen liegt. Vom Haupttor erstreckt sich die Hauptachse des Parks, der Bürger*innen-Boulevard, bis zum ehemaligen Kasino der Kaserne. Dieses wird aktuell zu einem Bürgerhaus aufwendig saniert. Die historische Achse flankieren Staudenflächen und Retentionsmulden.

Die Bau- und Planungsgruppe unterwegs auf einer der Hauptverbindungsachsen des Areals der ehemaligen York-Kaserne in Münster, im Hintergrund das zukünftige Bürgerhaus.
Blick auf die alten Kasernengebäude der York-Kaserne in Münster
Fotos: Christoph Kniel
Ein ehemaliges Kasernengebäude der York-Kaserne in Münster spiegelt sich in einem Fenster
Die Bau- und Planungsgruppe unterwegs auf einer der Hauptverbindungsachsen des Areals der ehemaligen York-Kaserne in Münster, im Hintergrund das zukünftige Bürgerhaus.

Es war die konzeptionelle Entscheidung der Stadt Münster, den Schulhof nicht einzufrieden und auch für die außerschulische Nutzung freizugeben.

Anne TersteggeLandschaftsarchitektin NRW.URBAN

Bürgerpark: Ein Paradies der Artenvielfalt

Terstegge: „Das beauftragte Büro frei[RAUM]planung hat Wert auf eine artenreiche Bepflanzung gelegt, die Vögeln und Insekten reichlich Futter bietet, zudem dient die Anlage dem Schutz vor Überhitzung und Überschwemmungen.“ Auch die Beleuchtung nimmt sich sehr zurück, um nachtaktive Tiere nicht zu stören. Das ganze Areal mit den historischen Gebäuden und dem alten Baumbestand ist ein Paradies für Fledermäuse. „Das Gebäudeensemble ist in einen alten Park eingebettet“, erklärt Terstegge, weshalb die einzelnen Baumaßnahmen permanent von einer dendrologischen Baubegleitung flankiert wurden. Der Bürgerpark ist sozusagen der grüne Kitt zwischen Schule, Kita und dem Bürgerhaus, er geht nahtlos in den Schulhof der York-Grundschule über, keine Mauer, kein Zaun trennt die Freiflächen voneinander. „Es war die konzeptionelle Entscheidung der Stadt Münster, den Schulhof nicht einzufrieden und auch für die außerschulische Nutzung freizugeben“, erläutert Terstegge das Konzept.

Das einstige Offizierskasino verwandelt sich in einen Ort der Demokratie: Als Generalplaner betreut das Büro PBA Peter Bastian Architekten das Kasino York.
Das einstige Offizierskasino verwandelt sich in einen Ort der Demokratie: Als Generalplaner betreut das Büro PBA Peter Bastian Architekten das Kasino York.
Auch die Sternzeichendecke im ehemaligen Offizierskasino in Münster wird restauriert und bleibt erhalten.
Auch die Sternzeichendecke wird restauriert und bleibt erhalten.

Offizierskasino: Ein Ort der Demokratie

„Die besondere Atmosphäre des Bürgerparks macht den Standort aus“, erklärt NRW.URBAN-Projektsteuerin Corinna Humer. „Für Kinder entsteht hier eine einmalige Lern- und Spielumgebung in unmittelbarer Nähe zur Natur.“ Eine andere Atmosphäre kommt zur Dämmerung am Abend auf: In den alten Gebäuden fühlen sich nicht nur Mauersegler oder Schwalben wohl, auch Fledermäuse sind in Mauervorsprüngen und Nischen heimisch.

Zu den bildprägendsten Bauwerken der ehemaligen York-Kaserne zählt das ehemalige Offizierskasino. Es bietet durch seine ursprüngliche Nutzung gute Voraussetzungen für kulturelle Veranstaltungen und Workshops, mit dem großen Saal, Küche und kleineren Räumen wie dem Zimmer mit der Sternzeichendecke. Ziel der Stadt Münster ist die Entwicklung zu einem offenen Demokratieort für alle Bevölkerungsgruppen. Herausforderungen bestehen in der Vereinbarkeit von Denkmalschutz, Brandschutz, Barrierefreiheit, Schadstoffsanierung sowie einer wirtschaftlich sinnvollen energetischen Ertüchtigung.

Ein ehemaliges Kasernengebäude der York-Kaserne in Münster
Die Bau- und Planungsgruppe vor der neuen Grundschule im York-Quartier.
Die Bau- und Planungsgruppe in der neuen Grundschule im York-Quartier.

Grundschule: Ein Gebäude für freie Geister

Das dreigeschossige Gebäude der Grundschule umfasst 9.800 Quadratmeter Bruttogeschossfläche und bietet Platz für rund 430 Kinder. Ursprünglich war geplant, die Schule in einem T-förmigen Bestandsgebäude unterzubringen. Die Machbarkeitsanalyse hat jedoch ergeben, dass dies nicht möglich war. In enger Abstimmung mit der Denkmalbehörde konnte die Stadt den Rückbau des Gebäudes veranlassen. Daraus ergaben sich allerdings auch Restriktionen für den Neubau. Die Schule steht heute genau auf der Baulinie des Bestandsgebäudes. Das neue Gebäude integriert sich harmonisch in den historischen Kontext, nicht nur in Bezug auf seine Form, auch die verbauten Materialien zitieren die Umgebung. So wurden die Backsteine des alten Gebäudes wiederverwendet und durch Lieferungen aus dem selektiven Rückbau eines Ziegelspezialisten ergänzt. „Das ist nicht nur nachhaltig, das war in Zeiten der Kostenexplosion für Baumaterialien auch günstiger, als neue Steine zu nutzen“, sagt Marc Hehn vom Architekturteam.

Die Stadt Münster hat Leitlinien für öffentliche Gebäude entwickelt, für städtische Gebäude und Liegenschaften gelten höchste Energieeffizienzstandards und eine Pflicht zur Photovoltaik Installation. Die Grundschule York ist in Anlehnung an ein Passivhaus konzipiert, im Keller ist eine Lüftungsanlage untergebracht. Zusätzlich sind alle Dächer begrünt und mit Photovoltaikanlagen ausgestattet. Um die Artenvielfalt am Standort zu erhalten, sind in die Fassaden Brutkästen integriert.

Die Raumaufteilung orientiert sich am neuen Cluster-Schulbau-Standard der Stadt Münster, der beim Neubau von Grundschulen umgesetzt wird. Wer vor längerer Zeit die Schulbank gedrückt hat, schaut erstaunt: Helles Holz und freundliche Farben wechseln sich mit Sichtbetonflächen ab. Direkt im Eingangsbereich der komplett barrierefreien Schule liegt das „Forum“ wie ein kleines Amphitheater. Es verbindet Treppenhaus und Schulhof, öffnet sich nach oben zu einer Galerie im ersten Obergeschoss, grenzt an Speiseraum und Musikraum, deren weite Türen geöffnet werden können. So entsteht ein großer Raum für Veranstaltungen – nicht nur für Schulveranstaltungen, sondern auch für Events im Quartier. Die Schule besteht aus vier Clustern und folgt einem zeitgenössischen pädagogischen Konzept. Schulbänke sucht man vergebens. Den Kern bildet jeweils ein Raum als zentrale Mitte, von dem verschiedene Lehrräume abgehen. Lehrräume, die eher großen Wohn- oder Spielzimmern als Klassenräumen gleichen. Dazu gehören jeweils sechs multifunktionale Unterrichts- und Betreuungsräume, ein Differenzierungsraum sowie eine Teamstation für Mitarbeitende der OGS und die Lehrkräfte.

Die Wiederverwendung der Backsteine aus dem Rückbau war nicht nur nachhaltig, sondern angesichts stark gestiegener Materialkosten auch günstiger als neue Steine.

Marc HehnHehn Scholz Pohl Architekten
Die Grundschule York – ein Neubau, der die Historie zitiert: Das Mauerwerk wurde mit historischen Backsteinen errichtet.
Die Grundschule York – ein Neubau, der die Historie zitiert: Das Mauerwerk wurde mit historischen Backsteinen errichtet.
Die Grundschule York ist eine sogenannte Clusterschule, die Flure werden als erweiterte Lernräume genutzt, „Tonni-Fächer“ und Fenster zu den Klassenräumen machten ein maßgeschneidertes Brandschutzkonzept erforderlich.
Die Grundschule York ist eine sogenannte Clusterschule, die Flure werden als erweiterte Lernräume genutzt, „Toni-Fächer“ und Fenster zu den Klassenräumen machten ein maßgeschneidertes Brandschutzkonzept erforderlich.
Das Forum verbindet Außen und Innen sowie die verschiedenen Funktionsbereiche und Cluster der Schule.
Das Forum verbindet Außen und Innen sowie die verschiedenen Funktionsbereiche und Cluster der Schule.
Blick auf den Schulhof mit Grüninseln

Das denkmalgeschützte ehemalige Unteroffizierskasino hat sich in eine moderne Kita verwandelt.

Katja MehringskötterProjektsteuerin NRW.URBAN

Kita: Die Zukunft beginnt im Bestand

Wir queren den Fuß- und Radweg und stoßen die Tür zum nächsten Kinderparadies auf: Im Flur begrüßen uns viele kleine bunte Gummistiefel. Das denkmalgeschützte ehemalige Unteroffizierskasino hat sich in eine moderne Kita verwandelt. Katja Mehringskötter hat das Projekt für NRW.URBAN geleitet: Entstanden ist auf rund 1.400 Quadratmetern Fläche eine Drei-Gruppen-Kindertageseinrichtung. Das Bestandsgebäude wurde umgebaut und energetisch saniert, es erhielt zudem einen kleinen Anbau und einen separaten Neubau, der durch einen gläsernen Gang mit dem alten Gebäude verbunden ist. Die Herausforderung des Projekts: Im Erdgeschoss des Bestandsgebäudes ließen sich lediglich zwei Kita-Gruppen inklusive dazugehöriger Nebenräume sowie die Küche, ein Personalraum und das Leitungsbüro unterbringen. Um jeweils einen weiteren Schlaf- und Differenzierungsraum zu ermöglichen, musste ein Anbau weitestgehend denkmalgerecht realisiert werden.

Drohnenaufnahme von der Grundschule York
Das Forum verbindet Außen und Innen sowie die verschiedenen Funktionsbereiche und Cluster der Schule.
Großeltern mit Emkelkind spazieren im Bürgerpark York
Arbeiteten für NRW.URBAN mit weiteren Kolleginnen und Kollegen am Projekt York-Quartier: Anne Terstegge, Corinna Humer, Katja Mehringskötter und Jörg Pescher (v. l. n. r.).

Auf mehr als 50 Hektar sind im York-Quartier neben Wohngebäuden und Büroraum eine Grundschule, eine Kita und ein Bürgerpark entstanden

Gartenwohnen

477 öffentlich geförderte und 275 frei finanzierte Wohnungen: eine bunte Mischung aus Geschosswohnungen und Stadthäusern mit Dachterrassen und jeder Menge Gestaltungsfreiraum für Gartenfans. NRW.URBAN übernimmt unter anderem Koordinationsaufgaben für die Baustellenlogistik, die Verkehrssicherung und die Grünflächenpflege.

Gremmendorf Zentrum

175 Wohnungen in zweiter Reihe, im Zentrum: Wochenmarkt, Ärztehaus, Büros und Einzelhandel sowie Gastronomie. Der nördliche Teil ist bebaut und bezogen. Der Hochbau des mittleren Teils beginnt in Kürze. Die Gebäude im südlichen Teil hat NRW.URBAN zurückgebaut, die Bestandsgebäude sowie die umliegenden Grünflächen im Rahmen des Flächenmanagements betreut.

Kasinopark

Hier befinden sich die Grundschule sowie zwei Kitas. In Kürze beginnt NRW.URBAN mit dem Umbau des Kasinos und dem Ausbau des südlichen Bürgerparks.

Yorkpark

Der Rückbau befestigter Flächen inklusive des Exerzierplatzes ist in Planung und wird später von NRW.URBAN für die Erschließungsarbeiten vorbereitet. Aktuell bereitet NRW.URBAN hierfür die Ausschreibung der gutachterlichen Begleitung vor. Im südlichen und westlichen Teil steht NRW.URBAN dem Tiefbauamt koordinierend bei der Umsetzung der Erschließungsarbeiten zur Seite.

Panzerhalle York

Der Großteil der Panzerhallen wurde mit Begleitung durch NRW.URBAN zurückgebaut. Lediglich das östliche Viertel ist verblieben. In Kürze werden die freien Flächen bebaut.

Wohnen im eigenen Haus

Auf rund 2,8 Hektar entsteht hier unter dem Namen HEYMAT YORK ein Teilquartier, in dem Familien den Traum vom Wohnen im eigenen Haus realisieren können. Ein kleiner Teil ist bereits bewohnt. NRW.URBAN betreut unter anderem die Baustellenlogistik.

Am Landschaftspark York

Hier entstehen circa 135 Wohnungen – direkt angrenzend an die Parkanlagen. NRW.URBAN betreut das Vergabeverfahren. Lagerflächen im nördlichen Teil werden nach Beendigung der aktuellen Erschließungsarbeiten zurückgebaut, die Ausschreibung und Begleitung erfolgten durch NRW.URBAN.

INFO

Was Kommunen von Münster lernen können

Münster hat in drei Jahrzehnten 19 Konversionsprojekte gestemmt – mehr Erfahrung mit der Transformation ehemaliger Militärflächen als die meisten deutschen Städte. Eine übertragbare Einsicht für Kommunen mit ähnlich gelagerten Projekten liegt in der Aufgabenteilung: Statt eigene Kapazitäten aufzubauen, die nach dem Projekt brachliegen, holte die Stadt NRW.URBAN als Bauherrenvertretung mit echter Entscheidungsbefugnis an Bord – nicht als externe Beratung, sondern mit direkten Abstimmungen zu den Fachabteilungen und Verantwortung für Termine, Kosten und Qualitäten. Wo Steuerung an der ohnehin ausgelasteten Verwaltung hängen bleibt, geraten komplexe Vorhaben ins Stocken.

Eine weitere Lehre betrifft die Vergabe. Für die York-Grundschule wurden rund 50 Gewerke koordiniert, für die Kita 30 – jeweils einzeln ausgeschrieben oder über Wettbewerbe vergeben. Das ist aufwendiger als eine Generalvergabe, eröffnet aber auch regionalen und kleineren Unternehmen die Chance, an einem stadtprägenden Projekt mitzuwirken, und hält Wertschöpfung in der Region. Unter pandemiebedingten Lieferengpässen und steigenden Baupreisen war die termingerechte Inbetriebnahme von Schule und Kita nur durch eine entsprechend intensive Termin- und Kostensteuerung zu halten.

Die wichtigste Lehre ist jedoch: Bestand ist kein Hemmnis, sondern Gestaltungsrahmen. Ensembleschutz und Baumbestand gaben in Münster die Leitplanken vor – und die Wiederverwendung der alten Backsteine war angesichts der Materialkosten am Ende nicht nur die nachhaltigere, sondern auch die günstigere Lösung. Für Kommunen, die Konversions-, Sanierungs- oder Neubauvorhaben ohne dauerhaft eigene Kapazitäten stemmen müssen, lohnt der Blick auf dieses Zusammenspiel aus früher Steuerung, kleinteiliger Vergabe und konsequentem Bestandsdenken.

NRW.Urban Journal Mockup Stapel 01 2026

Dieser Artikel ist Teil des NRW.URBAN Journals 1/26.

Zum Journal

Ihre Kontaktperson

Jörg Pescher, NRW.URBAN

Jörg Pescher
Projektmanagement

Revierstraße 3,
44379 Dortmund
Tel.: 0231 4341.309

E-Mail schreiben

Kommentar verfassen