
Der Neusser Hauptbahnhof bekommt ein neues Gesicht. Im Rahmen des Landesprogramms „Schöner ankommen in NRW“ investieren Deutsche Bahn, Land und Stadt gemeinsam rund 8,2 Millionen Euro in Gebäude, Unterführungen und Umfeld. Ein Gespräch mit Sonja Kosche, Bahnhofsmanagerin der Deutschen Bahn, Heinz Kracht vom Ministerium für Heimat, Kommunales, Bau und Digitalisierung NRW, und Carsten Kirchhoff, Projektleiter bei NRW.URBAN.
Hintergrund: Das Programm „Schöner ankommen in NRW“
Bahnhöfe sind die Visitenkarte einer Stadt – und vielerorts sanierungsbedürftig. Mit dem Programm „Schöner ankommen in NRW“ unterstützt das Land gemeinsam mit der Deutschen Bahn und NRW.URBAN Kommunen dabei, ihre Bahnhofsempfangsgebäude und Bahnhofsumfelder städtebaulich aufzuwerten. Die Förderung läuft über die Städtebauförderung und wird mit Mitteln der Deutschen Bahn, des Bundes und der Kommunen kombiniert. NRW.URBAN koordiniert das Programm und übernimmt Planung und Projektsteuerung vor Ort.
Frau Kosche, der Bahnhof in Neuss bekommt bald ein neues Gesicht. Warum eigentlich, und wie wird das aussehen?
Sonja Kosche: Der Bahnhof ist in die Jahre gekommen. Es ist immer nur an einzelnen Stellen etwas gemacht worden. Wenn man die Empfangshalle betritt, hat man kein besonders angenehmes Gefühl. Das wollen wir ändern. Der Bahnhof soll jeden willkommen heißen, der dort ankommt: freundlich, hell, einladend. Es wird eine Gemeinbedarfsfläche geben, die zunächst zur Landesgartenschau als zentraler Anlaufpunkt mit Ticketberatung dient – in einem bereits modernisierten Bahnhof. Das sind die ersten sichtbaren Schritte.

So könnte die Empfangshalle des Neusser Bahnhofs zukünftig aussehen.
Visualisierungen: Praglowski Architekten

Bürgermeister Breuer sprach in einer Pressekonferenz Ende 2025 scherzhaft vom „Hauptbahnhof“ Neuss. Dabei wirkt das Gebäude eher unscheinbar und liegt versteckt zwischen den Gleisen. Wie kommt das?
Heinz Kracht: Wenn man flapsig sein wollte, könnte man sagen: Wo ist denn der Hauptbahnhof Neuss? Von der Stadt aus gesehen gibt es keine gerade Straße, die auf ihn zuführt. Das Hauptgebäude liegt ebenerdig zwischen den Gleisen und ragt nicht in die Höhe. Das macht die Verknüpfung von der Innenstadt zum Bahnhof schwierig – hier liegt eine der zentralen Herausforderungen.
Carsten Kirchhoff: Das erklärt die Geschichte: Als der Bahnhof errichtet wurde, gab es noch keine Bahndämme. Zwei Eisenbahngesellschaften fuhren ebenerdig ab – das prägt die heutige Struktur. Die Dämme wurden später gebaut, um die Straßen durchgängig zu machen. Einen neuen Hauptbahnhof hat man seither immer geplant, es ist aber beim heutigen Gebäude geblieben. Deshalb haben wir gemeinsam mit der Stadt eine städtebauliche und verkehrliche Rahmenplanung beauftragt, die das gesamte Umfeld in den Blick nimmt: Wohnungsbau auf der Industriebrache, den Bereich Richtung Innenstadt mit neuem Vorplatz und Verkehrsschnittstellen sowie die Radstation.

Herr Kracht, im aktuellen Vorhaben wird der Bahnhof und Entwicklung des Quartiers um den Bahnhof zusammen gedacht. Wie isoliert ist der Neusser Bahnhof aktuell von der Innenstadt – und was soll sich demnächst ändern?
Heinz Kracht: Der Neusser Bahnhof liegt ein wenig abseits. Die Further Straße in Verlängerung der Fußgängerzone führt am Bahnhof vorbei, aber die Bahnunterführung ist für Fußgänger nicht angenehm und wird kaum genutzt. Stark frequentiert wird der seitliche Eingang am Theodor-Heuss-Platz, der dank Busbahnhof und Rheinbahn gut auffindbar ist. In den Abendstunden fehlt Laufkundschaft, die Aufenthaltsqualität lässt zu wünschen übrig. Konkret sollen Erkennbarkeit und Zugänglichkeit über den Theodor-Heuss-Platz gestärkt, die Bahnunterführungen aufgewertet und die Anbindung an die Innenstadt deutlicher werden. Ziel ist auch, den ÖPNV noch näher an den Bahnhof heranzurücken.
Sonja Kosche: Im ersten Bauabschnitt modernisieren wir bereits die Unterführung: Wandbeläge und Reisenden-Informationen werden erneuert, sodass Ankommende – egal ob aus der Stadt oder von den Bahnsteigen – mit allen Informationen versorgt sind. Diese Achse verbindet zwei Stadtgebiete miteinander, und sie soll sofort im ersten Schritt spürbar aufgewertet werden.
Herr Kracht, welche Rolle spielen Bahnhöfe und Bahnhofsvorplätze im öffentlichen Raum?
Heinz Kracht: Es gibt eine alte städtebauliche Weisheit: Drei Gebäude bestimmen den Eindruck einer Stadt – die Kirche, das Rathaus und der Bahnhof. Aus meiner persönlichen Sicht ist der Bahnhof die Nummer eins. Da ist kein Dienstschluss wie in den anderen Gebäuden, und es sind mehr Menschen dort – im Guten wie im Schlechten. Nur am Bahnhof treffen unterschiedliche soziale und gesellschaftliche Gruppen in diesem Maße aufeinander. Das gibt Spannungen. Und Städtebau kann hier Lösungen anbieten: Beleuchtung, Aufenthaltsqualität – das lindert Aggressionen und Probleme. Ein ganz wichtiges soziales Thema.
Carsten Kirchhoff: Dem stimme ich zu. Jeder Bürger – egal ob er Zug fährt oder nicht – besucht im Laufe eines Jahres irgendwann den Bahnhof, um Gäste abzuholen oder wegzubringen. Deshalb ist es ein sehr dankbares Thema, aus Gebäuden und Umfeldern, die nicht optimal sind, etwas zu schaffen, das die Menschen begeistert. Die Kommunen, die bei „Schöner ankommen“ mitmachen, sagen ganz eindeutig: Der Bahnhof ist ein zentraler Ort für uns – deshalb investieren wir, auch in die Sicherheit.
Sonja Kosche: Und die anfänglichen Bedenken einiger Kommunen – warum sollen wir in DB-Gebäude investieren? – haben sich schnell gelegt. Wir haben Gebäude mit einem Leerstandsanteil von 80 Prozent, die die Kommunen jetzt mit eigenen Nutzungen füllen. Wir versuchen auch im Bereich Reisendenversorgung moderne Konzepte zu finden – Bäckereien mit Aufenthaltsbereichen, Sitzflächen –, um den Bahnhof für alle Nutzer aufzuwerten.
Carsten, du bist seit rund 20 Jahren daran beteiligt, Bahnhöfe in NRW lebenswerter zu machen. Wie bist du dazu gekommen?
Carsten Kirchhoff: Das hat schon im Studium angefangen. Bahnhöfe waren ein Randthema, aber es hat mich gepackt. Über Kontakte zu Referenten bin ich da reingewachsen. Eines Morgens erhielt ich einen Anruf aus Aachen, ob ich mich nicht beim Städtebau-Ministerium in Düsseldorf bewerben wollte – die suchten jemanden für das Thema Bahnhöfe. So fing es an. Zuerst drei Jahre im Ministerium, dann haben wir die Bahnflächenentwicklungsgesellschaft von Land und DB gegründet, und seit Anbeginn bin ich dabei. Das Thema macht sehr viel Spaß: Man bringt Menschen zusammen, weckt Begeisterung, bringt Erfahrungen aus anderen Projekten ein und gewinnt so die Menschen vor Ort.

Carsten, was steckt hinter dem Programm „Schöner ankommen in NRW“, kannst du das kurz erläutern?
Carsten Kirchhoff: Das Programm ist für Empfangsgebäude aufgelegt worden, die im Eigentum der DB AG stehen. Die Bahnhöfe haben viele Funktionen aus früheren Zeiten verloren, Leerstandsquoten sind sehr hoch. Die Idee war, ein eigenes Programm aus der Städtebauförderung heraus anzubieten: Kommunen können in die Sanierung stadtbildprägender und denkmalgeschützter Empfangsgebäude investieren und mit eigenen Nutzungen in die Gebäude hineingehen, um an zentralen Standorten Angebote für ihre Bürgerinnen und Bürger zu schaffen.
Heinz Kracht: Das Programm ist klar in die Städtebauförderung gegenüber den Kommunen eingegliedert – daher die starke Verzahnung zwischen Bahnhofsgebäude und städtebaulicher Situation im Umfeld. In Neuss ist ein integriertes Städtebau-Entwicklungsprogramm Bahnhofsumfeld aufgelegt worden, das eine Vielzahl von Punkten nicht nur am Bahnhof selbst behandelt.
Die DB verfolgt parallel das Konzept der Zukunftsbahnhöfe. Wie passt das zusammen?
Sonja Kosche: Es passt sich eins zu eins an unser Konzept an. Was macht einen Zukunftsbahnhof aus? Genau das, was wir gerade beschrieben haben: Wir schauen uns einen Bahnhof ganzheitlich an – Verkehrsstation, Empfangsgebäude und Umfeld. Wir schauen nicht, ob irgendwo mal ein Bahnsteig neu gemacht oder ein Aufzug erneuert wird, sondern denken alles zusammen. Als Deutsche Bahn sind wir darauf angewiesen, mit der Kommune sehr eng zusammenzuarbeiten, damit das am Ende aus einem Guss passt. Ich finde, wir sind da auf einem sehr guten Weg.
Heinz Kracht: Aus Sicht des Landes ist das Programm ein voller Erfolg. Die Idee war, nach Jahren der Kritik einfach den Stein ins Wasser zu werfen und sich selbst einzubringen. Die Idee von Landesbauministerin Ina Scharrenbach ist aufgegangen. Wenn man heute sieht, wie zusammengearbeitet wird und welche Fortschritte erzielt werden, kann man nur sagen: So ist es gegangen.
Übrigens finden Sie dieses Interview auch zum Hören in unserer aktuellen Podcastfolge:
Unser Auftrag
Hier ist die NRW.URBAN GmbH & Co. KG tätig für das Ministerium für Heimat, Kommunales, Bau und Digitalisierung des Landes Nordrhein-Westfalen.

Wissenswertes
Nach drei erfolgreichen Empfangsgebäude-Programmen des Landes Nordrhein-Westfalen erhalten mit dem Förderprogramm „Schöner ankommen in NRW“ für Empfangsgebäude im Eigentum der DB InfraGO AG Kommunen eine Perspektive für die gestalterische Aufwertung, die städtebauliche Entwicklung und die Reduzierung des Leerstands dieser besonderen Immobilie an Personenbahnhöfen. Das Land Nordrhein-Westfalen und die DB InfraGO AG haben einen gemeinsamen Letter of Intent (LOI) zum Förderprogramm geschlossen und 20 Empfangsgebäude für das Programm ausgewählt.
Hintergrund: Das Sonderförderprogramm wurde als Erweiterung der hervorragenden Erfahrung zahlreicher Kommunen mit dem rahmenvertraglich mit der DB InfraGO AG vereinbarten Verfahren der „Empfangsgebäudepakete NRW“ aufgesetzt. Die überwiegende Zahl der Gebäude aus den „Empfangsgebäudepaketen NRW“ ist zwischenzeitlich saniert und stellt wieder eine attraktive „Visitenkarte“ für die Kommunen dar.
Ihre Kontaktperson

Carsten Kirchhoff
Konzepte | Entwicklung
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