
Auf der Fläche eines ehemaligen Putenmastbetriebs im Sendener Ortsteil Bösensell entsteht ein moderner Gewerbestandort.
Die Gemeinde Senden im Kreis Coesfeld, eine Flächengemeinde mit insgesamt drei Ortsteilen, liegt vor den Toren von Münster. Durch den Anschluss an die A 43 wird Senden sowohl als Wohnort als auch für Gewerbetreibende zunehmend beliebter: Aus Sicht des städtischen Planungsteams und der Wirtschaftsförderung also eigentlich eine 1a-Lage, um weitere Wohnbaugebiete auszuweisen und attraktive Gewerbeansiedlungen zu akquirieren – wäre da nicht ein typisch ländliches Problem gewesen: Gestank statt frischer Landluft, verursacht durch die Geruchsimmissionen eines Putenmastbetriebs im Ortsteil Bösensell.
Beste Lage, ein Haken
Der Betrieb störte, nicht nur die Pläne für eine Wohnbauentwicklung. Auch der Wunsch, weiteres nicht-störendes Gewerbe anzusiedeln, scheiterte immer wieder an der „dicken Luft“. Münster liegt circa 15 Kilometer entfernt, in den Hauptort Senden sind es lediglich sieben Kilometer. Im Ortsteil Bösensell befindet sich nicht nur der Autobahnanschluss, sondern auch der einzige Bahnhof der Gemeinde: Die Strecke verbindet Münster mit dem Ruhrgebiet. Damit hat der Ortsteil Bösensell für die rund 21.000 Einwohnerinnen und Einwohner zählende Gemeinde neben dem Hauptort Senden und dem Ortsteil Ottmarsbocholt eine besondere Bedeutung.
Mit Unterstützung des Landesprogramms „Bauland an der Schiene“ wurden bereits im Jahr 2019 in Nähe des Bahnanschlusses mehrere potenzielle Wohnbauflächen identifiziert. Die Aussicht, die steigende Nachfrage nach Bauland zu befriedigen, stimmte die Verantwortlichen in der Gemeinde hoffnungsvoll. Denn auch wenn es im Münsterland aus Sicht von Großstädtern „viel Gegend“ gibt, so stellt die Entwicklung von Bauland die Gemeinden in ländlichen Bereichen immer wieder vor große Herausforderungen. Landwirtschaftlich genutzte Flächen können nicht „mal eben“ umgewidmet werden, Grünschneisen und unversiegelte Flächen sollen weitestgehend erhalten bleiben.
Wohnen aktivieren: Bauland an der Schiene
Im Rahmen von „Bauland an der Schiene“ hat die Tochtergesellschaft BEG der NRW.URBAN von 2018 bis 2020 systematisch Baulandpotenziale im Einzugsbereich von Haltestellen des schienengebundenen Personennahverkehrs ausgelotet und 84 Rahmenplanungen und Strukturkonzepte auf den Weg gebracht.
Die BEG und NRW.URBAN lotsen die Kommunen nun durch die weiteren Prozesse. Die Landesgesellschaften stellen fachliche, organisatorische und vergabebezogene Unterstützung bereit, helfen bei der Konzeption, Vergabe und Bezuschussung von Beteiligungsverfahren oder bei der Koordination aller Projektbeteiligten. Ein besonderes Augenmerk liegt dabei auf der gezielten Entwicklung von bezahlbarem Bauland. Die soll die angespannten Wohnungsmärkte ebenso wie den Verkehrsträger Straße entlasten.

Fotos: Christoph Kniel
Gewerbeabzug eröffnet neue Chancen
„Durch die Potenzialanalyse von NRW.URBAN haben sich eindeutig wohnbauliche Flächen herauskristallisiert, die wir zukünftig weiterentwickeln wollen. Sie hat uns aber auch deutlich vor Augen geführt, dass wir zuvor die bestehenden Hindernisse gezielt angehen mussten“, sagt Carsten Busche, Fachbereichsleiter Planen, Bauen und Umwelt bei der Gemeinde Senden. „Mithilfe eines zweiten Landesprogramms, mit Bau.Land.Partner, konnten wir in den Dialog mit den Betreibern des Betriebs treten.“ Durch Unterstützung von NRW.URBAN erreichte die Gemeinde die Aufgabe des Putenmastbetriebs in Bösensell, erwarb die seinerzeit landwirtschaftlich genutzte Fläche und fand schließlich einen attraktiven Investor für das Areal. Das Maschinenbauunternehmen Meypack Verpackungssystemtechnik GmbH verlagert seinen Firmensitz von Nottuln-Appelhülsen nach Senden-Bösensell und investiert dort rund 17 Millionen Euro in den Neubau von Produktions- und Büroflächen. Auf dem rund 32.000 Quadratmeter großen Grundstück entstehen eine moderne Fertigungsund Lagerhalle, Sozial- und Technikräume sowie ein dreigeschossiges Bürogebäude. Durch die Neuansiedlung in Bösensell kann das Unternehmen seine Produktionsfläche nahezu verdoppeln. Rund 190 Beschäftigte werden am neuen Standort in Bösensell Arbeit finden.
Der gewerblichen Neuansiedlung gingen zahlreiche Verhandlungen, Gutachten sowie aufwendige Rückbaumaßnahmen voraus. Asbest in den Hallendächern rief Experten zur Schadstoffentsorgung auf den Plan, die Bewohnerinnen und Bewohner zweier Mietshäuser auf dem Gelände mussten zum Umzug motiviert werden, benachbarte Gewerbeunternehmen wurden mit in die Planungen einbezogen. Für NRW.URBAN hielt Nadine Steffens aus dem Bereich Konzepte und Entwicklung die Fäden in der Hand: „Weitere Themen waren der Arten- und der Denkmalschutz. Wir mussten eine Steinkauz-Familie umsiedeln und einen denkmalgeschützten Sandsteinbildstock translozieren lassen.“ Die neue Produktionsstätte von Meypack befindet sich im Bau, auch die Vorbereitung von Flächen für die Ansiedlung weiterer neuer oder die Erweiterung bestehender gewerblicher Betriebe läuft auf Hochtouren.

Anregender Austausch und mutige Planungen
Indem die Fläche des ehemaligen Putenmastbetriebs gewerblich neu entwickelt wird, steht nun auch der Wohnbebauung in Bösensell nichts mehr im Wege. Die Standorteinschätzung der Fläche in Bahnnähe, die Ermittlung der Nutzungsziele und Entwicklungsperspektiven, die Erstellung von unterschiedlichen Planungsvarianten unter Berücksichtigung der lokalen Rahmenbedingungen – all dies dient nun als Grundlage für die nächsten Schritte in Richtung Baugebiet.
Für das Bauprojekt im Rahmen von „Bauland an der Schiene“ ist in Kooperation mit dem Planungsbüro De Zwarte Hond eine Rahmenplanung entstanden, die das Büro in der Sitzung des Bezirksausschusses Bösensell am 19. Mai 2026 vorgestellt hat. Voraussichtlich ab dem vierten Quartal 2026 folgt die Erarbeitung eines konkreten Bebauungsplans. Besonders schätzt Busche an der Zusammenarbeit mit dem externen Planungsbüro den unverstellten, unabhängigen Blick auf die Planungssituation in Bösensell: „Die Planenden blicken ganz anders auf unser Dorf als wir Ortsansässigen. Der Austausch und die Rückkopplungen waren ungemein anregend und auch fordernd: Eine Variante des Rahmenplans beinhaltet das Konzept von Quartiersgaragen. Mal schauen, wie die Bösensellerinnen und Bösenseller diese Idee aufnehmen.“ Ein weiteres Thema, das die Gemeinde mutig angeht, ist die Dichte der Bebauung. Busche: „Wir befinden uns hier an einem Ort, wo gefühlt jeder in einem Einfamilienhaus großgeworden ist.“ Da ist die Planung von bis zu dreigeschossigen Mehrfamilienhäusern ein mutiger Schritt. Andererseits mangelt es in Bösensell an kleineren Wohnungen für ältere Alleinstehende oder junge Singles sowie an barrierefreiem Wohnen. Da hat die Rahmenplanung des niederländischen Planungsbüros für das neue Wohngebiet einiges zu bieten: Neben Reihenhäusern, Doppelhäusern und Dorfvillen weist das Konzept auch Mehrfamilienhäuser und Senioren-Apartments aus. Zur Realisierung des öffentlich geförderten Wohnraums hat die Gemeinde Senden als strategischen Partner extra eine eigene Gesellschaft gegründet: die Wohnbau Senden, an der neben der Gemeinde die Sparkasse und die WohnBau Westmünsterland e. G. beteiligt sind. Im Rahmen einer Konzeptvergabe möchte die Gemeinde erreichen, dass Investoren auch möglichst viele öffentlich geförderte Wohneinheiten errichten. Planungsideen zu Nachhaltigkeit und Klimaresilienz machen die Rahmenplanung darüber hinaus attraktiv. Carsten Busche resümiert: „Ohne die Unterstützung und die Erfahrung von NRW.URBAN hätten wir weder die Bauland-Identifizierung noch die Gewerbeflächenaktivierung mit unserem kleinen Team stemmen können.“
Flächen mobilisieren: Bau.Land.Partner
Mit Bau.Land.Partner unterstützt das Ministerium für Heimat, Kommunales, Bau und Digitalisierung des Landes Nordrhein-Westfalen Kommunen dabei, wenig genutzte oder ungenutzte Flächen wieder zu Bauflächen zu machen, Nachfolgenutzungen zu prüfen und Standorte zu aktivieren. Dabei spielen Einbindung und Mitwirkung der Eigentümerinnen und Eigentümer eine zentrale Rolle. Das dialogorientierte Verfahren von Bau.Land.Partner wird maßgeblich aus Landesmitteln getragen und von NRW.URBAN-Projektleiterinnen und -leitern in enger Kooperation mit den Kommunen durchgeführt.
Unser Auftrag
Hier ist die NRW.URBAN GmbH & Co. KG tätig für das Ministerium für Heimat, Kommunales, Bau und Digitalisierung des Landes Nordrhein-Westfalen.


Dieser Artikel ist Teil des NRW.URBAN Journals 1/26.
Ihre Kontaktperson

Nadine Steffens
Konzepte | Entwicklung
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Tel.: 0231 4341.237