
Das Forum :terra nova auf dem Gebiet der Stadt Elsdorf erfreut sich als Zielpunkt für die Erkundung der Tagebaulandschaft großer Beliebtheit.
Der Bund hat im Jahr 2020 den Braunkohleausstieg auf das Jahr 2038 festgelegt. Nordrhein-Westfalen hat ihn später noch mal auf das Jahr 2030 vorgezogen. Das Aus für den Tagebau Hambach kommt damit rund 15 Jahre früher als ursprünglich geplant. „Damit war klar: Wir brauchen eine Organisation, die Projekte und Maßnahmen zur Gestaltung der Tagebaufolgelandschaft nicht nur plant, sondern auch in der Umsetzung begleitet“, erinnert sich Boris Linden, Geschäftsführer der Neuland Hambach GmbH. Ein Plangebiet von 8.500 Hektar, sechs betroffene Kommunen, Dörfer, die sukzessive revitalisiert werden, eine bald 20 Quadratkilometer große und 300 Meter hohe Abraumhalde mit viel Wald- und Wiesenlandschaft sowie eine riesige Grube, die einmal zu einem See werden soll – so sieht die Landschaft nach dem Tagebau aus. Da braucht es Ideen und viel Vorstellungskraft, um neues Land über einen Zeithorizont von rund 40 Jahren – so lange dauert die Seebefüllung – zu planen.
Im Rahmen der Rekultivierung verwandelt sich der ehemalige Braunkohletagebau Hambach in ein kleines Binnen-Meer. Gemessen an seinem Volumen wird es nach dem Bodensee der zweitgrößte See Deutschlands werden. „Das war auch vor dem frühen Kohleausstieg so geplant und seit vielen Jahren existiert bereits der Wunsch, rund um den See einen Rad- und Wanderweg anzulegen“, erklärt Boris Linden. Mit der politischen Entscheidung des vorgezogenen Ausstiegs schalteten die betroffenen Gemeinden mit Unterstützung des Landes Nordrhein-Westfalen den Turbo ein: Die Gesellschaft Neuland Hambach GmbH wurde 2020 gegründet, das Projekt Hambach Loop als erste große Maßnahme konkretisiert. „Der Rad- und Freizeitweg ist das Initial für zahlreiche weitere Projekte, die sich wie Perlen an einer Kette aufreihen“, sagt Boris Linden. Projekte, die einen Mehrwert für die Anrainergemeinden schaffen und spannende Erlebnisräume für den wachsenden Tourismus in der Region bieten werden.
Komplexe Gemengelage
Jonas Hamacher managt zusammen mit seiner Kollegin Cornelia Neunzig den Strukturwandel in der Gemeinde Niederzier. Gemeinsam sorgen die beiden in der Stabsstelle für Zukunft und Innovation dafür, dass Projekte im Gebiet der Gemeinde Niederzier Gestalt annehmen. Die Gemeinde Niederzier – ein kleiner Ort mit 14.000 Einwohnerinnen und Einwohnern – hat im Laufe der Jahre 57 Prozent der Gemeindefläche an den Tagebau verloren. Cornelia Neunzig: „Niederzier hat den besonderen Status, in zwei Tagebau-Umfeldinitiativen aktiv zu sein: in der Neuland Hambach GmbH und in der Entwicklungsgesellschaft indeland GmbH.“ Das spiegelt die komplexe Gemengelage der gesamten Transformationsfläche wider.
Ein langer Streckenabschnitt des zukünftigen Hambach Loop führt durch Niederzierer Gemeindegebiet, auch ein großer Teil der Sophienhöhe, eines über die Jahre auf der riesigen Abraumhalde entstandenen Naturund Erlebnisgebietes, gehört zu Niederzier. So sind die Transformationsexpertinnen und -experten vor Ort froh, die Planung des Rad- und Wanderwegs sowie die Weiterentwicklung der Sophienhöhe auf ihrem Gemeindegebiet nicht allein bewältigen zu müssen. Cornelia Neunzig: „Alle Projektentscheidungen werden im Schulterschluss mit den beteiligten Anrainergemeinden und der Neuland Hambach GmbH getroffen.“

”Der Rad- und Freizeitweg ist das Initial für zahlreiche weitere Projekte, die sich wie Perlen an einer Kette aufreihen.
Boris LindenGeschäftsführer der NEULAND HAMBACH GmbH

Fotos: Martin Steffen

NRW.URBAN unterstützt
Unterstützt wird das interkommunale Gremium von NRW.URBAN. Die Landesgesellschaft bringt über die NRW.URBAN Kommunale Entwicklung GmbH, deren Mitgesellschafterin die Neuland Hambach GmbH ist, personelle Ressourcen und Fachexpertise ein. „Dabei greifen wir auf die Erfahrungen aus zahlreichen Planungsprojekten in Nordrhein-Westfalen zurück und stehen im engen Austausch mit unseren Kolleginnen und Kollegen, die über die Starke Projekte GmbH Projekte im Tagebaugebiet qualifizieren“, erläutert Uwe Käbe von NRW.URBAN. Während die Starke Projekte GmbH Mittel aus dem Förderprogramm des Bundes STARK weiterleitet und beim Fördermittelmanagement unterstützt und so den Weg zu Fördermitteln aus dem Stadtentwicklungsprogramm ebnet, ist es beim Hambach Loop die aktuelle Aufgabe von NRW.URBAN, die rechtliche Basis für die Baulastträgerschaft abzusichern. Barbara Eickelkamp, Leiterin des Bereichs Konzepte und Entwicklung bei NRW.URBAN: „Wir beraten nicht nur zu Planungen und Gutachten, die für die Vorbereitung einer Projektumsetzung erforderlich sind. Auch den Prozess, um rechtssichere Konstrukte für Bauvorhaben zu schaffen, begleiten wir. Beim Hambach Loop geht es zum Beispiel darum, in wessen Verantwortung später die regelmäßige Wegeprüfung und Bewirtschaftung liegt, oder wer im Sanierungsfall die erforderlichen Leistungen übernimmt.“
Für den rund 70 Kilometer langen durchgehenden Rad- und Wanderrundweg um die Sophienhöhe und den künftigen Hambach See ist die planerische Grundlage nun aufgesetzt. Eine Machbarkeitsstudie liegt vor. Jonas Hamacher: „Ich glaube, dass es unter den Anrainerkommunen Konsens ist, dass die Neuland Hambach zu einer Dachgesellschaft weiterentwickelt werden muss, um für die Umsetzung aller Projekte im Neuland-Raum die Federführung und Verantwortung zu erhalten. Wir sehen heute ähnliche Organisationsstrukturen in anderen touristischen Destinationen im deutschsprachigen Raum, insbesondere dort, wo ein Tourismus- und Erlebnisraum über Gemeindegrenzen hinweggeht und entsprechende Aufgaben zentral ausgelagert werden müssen.“
Der Hambach See wird ab 2030 geflutet, bereits ab Mitte der 2030er-Jahre wird es eine umfangreiche Seefläche geben. Es wird voraussichtlich bis 2070 dauern, bis dieser Vorgang abgeschlossen ist. Eine lange Zeit. Um bereits in naher Zukunft attraktive Landschaftserlebnisse möglich zu machen und um den Menschen aus der Region ebenso wie Touristinnen und Touristen die Gelegenheit zu geben, den Transformationsprozess live mitzuerleben, wird der Ausbau des Hambach Loop jetzt mit „Speed“ vorangetrieben: Der Start für den Ausbau des Radwegs ist für die erste Jahreshälfte 2026 vorgesehen. Denn dann werden die ersten investiven Förderanträge eingereicht. In Niederzier und einigen anderen Anrainergemeinden existieren bereits Wegeverbindungen, die mit dem Fahrrad gut befahrbar und auch für Wanderungen gut geeignet sind. Jonas Hamacher: „Diese Abschnitte haben jedoch noch nicht die notwendige Ausbaubreite und alle möglichen Verkehre werden über dieselben Wege geführt: Fahrradfahrer, Mountainbiker, Wanderer, Werksverkehr. Das soll durch differenzierte Wegeführungen schon bald anders werden.“

Der zukünftige Streckenverlauf des Hambach Loops.
Hotspots entlang der Strecke
Außerdem entstehen entlang der Strecke des zukünftigen Hambach Loop sogenannte Pionierbauten. „Diese Hotspots in der Region machen die Transformation erlebbar und erhöhen die Akzeptanz für den gesamten Prozess“, sagt Boris Linden. Neben dem Besucherinformationszentrum auf der Sophienhöhe sind modular konzipierte Bauten an prägnanten Ankerpunkten geplant, die Raum für Austausch, Aufenthalt und Wissensvermittlung bieten sollen. Linden ergänzt: „Hinzu kommen spannende Inszenierungsanlagen an der Einleitstelle für das Rheinwasser, mit dem der See gespeist wird.“ Es soll ein Ort mit außergewöhnlicher Aufenthaltsqualität entstehen, um zu erleben, wie sich das Wasser über Kaskaden in den See ergießt. Ein Ort, der die Dynamik der landschaftlichen Veränderung mit steigendem Wasserspiegel sichtbar macht und die zentrale Rolle des Wassers anschaulich inszeniert.


Unterwegs auf dem Hambach Loop
- Ein langer Streckenabschnitt des zukünftigen Hambach Loop verläuft auf dem Gebiet der Gemeinde Niederzier. Ein kurzer Abstecher vom Rad- und Wanderweg lohnt sich. Am Wegesrand liegt das Rathaus von Niederzier, eine alte Wasserburg, von der aus heute sieben Ortschaften der Gemeinde verwaltet werden.

2. Schon heute existieren verschiedene Wegeverbindungen, die für die Region nicht nur für den Freizeit-, sondern auch für den Alltagsverkehr von Bedeutung sind. Der Hambach Loop soll an das wachsende regionale Radwegenetz angebunden werden und unterschiedliche Mobilitätsbedürfnisse berücksichtigen. So haben die Planerinnen und Planer beispielsweise auch die geplante Radvorrangroute von Düren zum Forschungszentrum Jülich mitgedacht. An dieser Stelle wird eine Zufahrt zum Besucherinformationszentrum auf der Sophienhöhe abzweigen.



3. In verschiedenen Ortsteilen wird es „Tore zur Sophienhöhe“ geben: Sie werden eine Basisinfrastruktur mit Information, Mobilstation und Toiletten oder auch Rastplätzen für Tagesausflügler bieten. Am Stetternicher Tor, das an der Römerstraße Via Belgica geplant ist, soll zum Beispiel ein Pavillon mit Gastronomie, Fahrradwerkstatt und eventuell sogar einer Seilbahnstation gebaut werden.
4. Die Sophienhöhe ist ein beliebtes Ausflugsziel mit einem Netz aus Wander- und Radwegen. Auf der Goldenen Aue der Sophienhöhe lebt seit Juni 2024 eine naturnahe Herde von Konikpferden. Die Beweidung ist ein gemeinsames Pilotprojekt der RWE Power AG, Forschungsstelle Rekultivierung, der Neuland Hambach GmbH sowie der niederländischen Stiftung FREE Nature. Vom Standort des zukünftigen Besucherinformationszentrums aus können Radelnde und Wandernde heute noch den Tagebau und ab 2030 die Veränderungen der Landschaft beobachten. 2040 schauen die Besucherinnen und Besucher hier auf einen bereits 1.300 Hektar großen und 200 Meter tiefen See, der dann immer noch wächst.


Visualisierung der zukünftigen "Höllentreppe", Bild: MUST Stadtebau

Aussichtsterrasse „NEULAND HAMBACH, Bild: Treibhaus Landschaftsarchitektur/Lindenkreuz Eggert
5. Entlang des Hambach Loop werden verschiedene Pionierbauten errichtet. Als Informations-, Aufenthalts- und Begegnungsorte schaffen sie zentrale Anlaufpunkte für Besucherinnen und Besucher und begleiten die schrittweise Entwicklung der neuen Landschaft. Geplant sind fünf Standorte in Höllen (Titz), Bürgewald (Merzenich), Stetternich (Jülich), :porta sophia (Elsdorf ) sowie Manheim-Alt (Kerpen). Jeder dieser Orte erhält eine eigene Ausprägung, abgestimmt auf die örtlichen Gegebenheiten und Nutzungsoptionen.
6. Bis 2030 sollen der Bau der Rheinwassertransportleitung und des Einleitbauwerks Hambach abgeschlossen sein: Dann beginnt die Befüllung des künftigen Sees. An der :porta sophia, den sogenannten Inszenierungsanlagen, wird es dann Aussichtspunkte geben, von denen aus der Übergang von der Tagebau- zur Seelandschaft erlebbar wird.

Visualisierung: Besondere Orte am Hambach Loop - Manheim-Alt, Bild: MUST Städtebau

7. Am Ufer der zukünftigen Manheimer Bucht in Manheim-Alt wird ebenfalls ein Pionierbau errichtet, der die Transformation der Landschaft an der ehemaligen Manheimer Kirche erlebbar macht und die Nachnutzung des Kirchenbaus durch ergänzende Angebote unterstützen soll. Diese Stätte dient dann als Basis für kleinere Veranstaltungen und als Startpunkt für Exkursionen.
8. Der Hambach Loop streift das Dorf Morschenich-Alt, das letzte umgesiedelte Dorf am Tagebau Hambach. Als Bürgewald wird es als Ort der Zukunft auferstehen, gefördert mit Mitteln von Bund und Land. In Bürgewald wird ein Informations- und Lernort zum Thema Natur und resiliente Waldentwicklung geschaffen. Dieser Ort soll nicht nur für Radtouristinnen und -touristen spannend werden, sondern als Austauschort für die Bevölkerung fungieren und Bildungsarbeit vor Ort für Schulen und Kindergärten anbieten.
9. Heute liegen noch die Tagesanlagen des Braunkohlebetriebs am Rande der Route des Hambach Loop – in wenigen Jahren werden technische Anlagen, Werkstätten, Lagerbereiche, Sozialgebäude, Büroflächen und auch ein großer Kohlebunker nicht mehr benötigt. Für dieses 120 Hektar große Areal laufen die Planungen für eine Nachnutzung mit Gewerbeflächen sowie Wohn-, Sport- und Freizeitangeboten auf Hochtouren.

Bild: plan.lokal/Rendertaxi

Dieser Artikel ist Teil des NRW.URBAN Journals 2/25
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